Film-Tipp des Tages: La nana – Die Perle

Im Sozialdrama schafft Hauptdarstellerin Catalina Saavedra spielend den Spagat zwischen sympathischer Identifikationsfigur und unheimlichem Hausdrachen. Der Film des chilenischen Regisseurs Sebastián Silva hat unzählige Preise gewonnen, unter anderem den Grand Jury Prize am Sundance-Filmfestival.

Eine chilenische Hausfrau streichelt in der Küche ihre Katze. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Verunsichert. SRF/Shoreline Entertainment

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Sendeplatz

Montagnacht um 00:45 Uhr auf SRF 1.

An ihren Geburtstagen wird das Hausmädchen (Catalina Saavedra) von ihrer Arbeitgeberfamilie ins Esszimmer gerufen, wo mit Torte und Geschenken gefeiert wird. Doch das Fest ist jeweils schnell vorbei, denn wie jeden Abend wartet der Abwasch auf Raquel. Seit über 20 Jahren ist die mittlerweile 41-Jährige bei der grossbürgerlichen Familie im Dienst.

Obwohl sie gesundheitlich angeschlagen und überfordert ist, will sie nicht, dass die Familie ein zweites Hausmädchen einstellt. Sie fürchtet, ihre Macht im Haushalt und die Liebe der Kinder zu verlieren. Mit der ältesten Tochter Camila (Andrea García-Huidobro) gerät sie allerdings sowieso immer wieder in Streit, weil sich diese nicht an ihre strikten Regeln halten will.

Psychoterror gegen neue Hilfskräfte

Schliesslich stellt Familienoberhaupt Pilar (Claudia Celedón) trotzdem eine zweite Hilfskraft ein, zunächst die junge Peruanerin Mercedes (Mercedes Villanueva), dann die rabiate Sonja (Anita Reeves). Doch mit geschicktem Psychoterror schafft es Raquel immer wieder, die «Konkurrentinnen» aus dem Haus zu vertreiben.

Als Raquel eines Tages ohnmächtig wird und das Bett hüten muss, stellt die Familie Lucy (Mariana Loyola) ein, eine fröhliche, direkte junge Frau vom Lande. Alle Strategien Raquels, Lucy aus dem Haus zu treiben, scheitern. Langsam erkennt Raquel, dass sie sich um ihr eigenes Leben kümmern müsste.

Über eine halbe Million Dienstboten sollen in Chile beschäftigt sein. Regisseur Sebastián Silva geht diesem Oberschichtphänomen, das nicht recht zu einer modernen Gesellschaft passen will, konsequent aus der Sicht einer Angestellten nach. Seine Hauptfigur Raquel gehört nach über 20 Jahren zwar fast zur liberalen Familie, aber eben nicht ganz. Und sie hat auf ein eigenes Leben verzichtet.

Perfekte Hauptdarstellerin

Hauptdarstellerin Catalina Saveedra bringt die Ambivalenz dieser Hausangestellten – zwischen liebenswertem Opfer und tyrannischem Hausdrachen – perfekt auf den Punkt und wurde für ihre Rolle vielfach ausgezeichnet. «La nana» war 2009 der zweite Spielfilm des damals erst 33-jährigen chilenischen Regisseurs Sebastián Silva, der dieses Kammerspiel in seinem eigenen Elternhaus gedreht hat.

Gekonnt spielt er mit den Genres: «La nana» ist nicht nur Sozialdrama, sondern auch Komödie und Horrorfilm. Oder wie der «Film-Dienst» schrieb: «Der Film ist weder Thriller noch soziale Anklage, sondern ein brillanter psychologischer Entwicklungsfilm, eine Geschichte aus einer ebenso archaischen wie hoch modernen Welt, bei der man dauernd auf einen Mord, einen Unfall oder irgendeine psychotische Aktion wartet und am Ende froh ist, dass nichts davon eintritt.»