70. Filmfestival Cannes Begierde und Betrug in der Mädchenschule

Sofia Coppola holt einige Stars vor die Kamera für ihre Neuverfilmung von «The Beguiled»: Nicole Kidman, Kirsten Dunst und Colin Farrell. Es liegt aber an Coppolas feinfühliger Interpretation, dass der Film sein Vorbild von 1971 übertrifft.

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Coppola in Cannes: «Die Verführten»

4:08 min, aus 10vor10 vom 24.5.2017

So richtig zur Sache geht es, als Nicole Kidman mit blutbeflecktem Rock und schmalen Lippen Kirsten Dunst auffordert: «Bring me the anatomy book!» Spätestens hier ist Sofia Coppolas Remake des Don Siegel/Clint Eastwood-Klassikers von 1971 wirklich schön schauerlich, «Southern Gothic» vom Feinsten.

Aber auch die langsam hochgekochte Geschichte davor kann sich sehen lassen. Mitten im amerikanischen Bürgerkrieg hüpft ein Schulmädchen mit Zöpfen und Körbchen durch den Wald. Sie sucht Pilze, findet einen verwundeten Nordstaaten-Soldaten.

Der Feind unterm Dach

Der schmucke Corporal John McBurney (Colin Farrell) erkundigt sich vorsichtig, wo und mit wem sie denn lebe. In der Mädchenschule von Ms. Farnsworth, erklärt sie eifrig und unschuldig: Und nein, Männer habe es keine mehr da. Es seien nur noch sie und drei weitere Schülerinnen, die Lehrerin und die Schulleiterin auf dem Anwesen.

Dann hilft sie dem Verletzten beim Aufstehen und bringt ihn zum Schrecken der anderen zum grossen Herrschaftshaus. Der Mann sei ein Feind, ein potenzieller Vergewaltiger, verkündigt eines der Mädchen sofort.

Eine Frau in weissem Kleid. Im Vordergrund drei Kerzen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Martha Farnsworth (Nicole Kidman), die Schulleiterin mit einer düsteren Familiengeschichte. Focus Feature

Wendepunkt in der Nacht

Martha Farnsworth (Nicole Kidman) lässt sich von ihren Schützlingen überzeugen, dass es ihre christliche Pflicht sei, den Verletzten gesund zu pflegen. Erst dann soll er den eigenen Soldaten als Kriegsgefangener übergeben werden.

Damit beginnt der Reigen. Der Soldat wird schnell zum Hahn im Korb. Er versteht es, jedem der Mädchen und jeder der Frauen das Gefühl zu geben, gerade sie sei die Schönste und seine Vertraute. Ein unvorsichtiger nächtlicher Besuch in einem der Mädchenzimmer wird zum Wendepunkt, an dem Nicole Kidman nach dem Anatomie-Buch verlangt.

Der Film von Don Siegel, in dem Clint Eastwood den verletzten Soldaten spielt, war schon bei seinem Erscheinen 1971 ein gut gemachtes, wirkungsvolles Kuriosum. Die Regie lässt einen nicht lange zweifeln, dass dieser Soldat ein charakterloser Deserteur ist, skrupellos und opportunistisch. Rückblenden und Voice over-Passagen machen in den ersten Minuten klar, dass Eastwoods Figur lügt, dass sich die Balken biegen.

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Frisch ab Leinwand

SRF-Filmkritiker Michael Sennhauser schaut sich am Festival Cannes die wichtigen Filme an und schreibt über seine ersten unmittelbaren Eindrücke.

Mehr Filmbesprechungen unter sennhausersfilmblog.ch.

Coppola streicht, was nicht mehr passt

Sofia Coppola hält sich plotmässig an das Original, mit signifikanten Weglassungen. Sie verzichtet auf Voice over und Rückblenden, zwei erzählerische Krücken, die heute schlicht nicht mehr funktionieren würden.

Im Original gibt es eine schwarze Frau, die als einzige mehr oder weniger immun bleibt gegenüber den Reizen des Fremden. Sie wirft zudem mit ihrer Familiengeschichte noch ein weiteres düsteres Licht auf die Geschichte der Sklavenhalterfamilie der Ms. Farnsworth. Dass Sofia Coppola diese Seitenlinie nicht angehen mochte, ist verständlich. Sie wäre im heutigen Kontext unendlich viel heikler.

Schliesslich verzichtet Coppola auch auf die Inzest-Geschichte, die die Schulleiterin Farnsworth im Film von 1971 erpressbar macht. Coppola setzt voll und ganz auf Anziehung, Täuschung und Spiel.

Frauenfiguren sind weniger typisiert

Sofia Coppolas Version von «The Beguiled» ist mit 95 Minuten zehn Minuten kürzer als der Film von 1971. Er ist dichter, stimmungsvoller, psychologisch stimmiger und vor allem unendlich viel schöner. Colin Farrell lässt nicht nur die Damen des Hauses im Ungewissen über seine wahre Natur, sondern weitgehend auch das Publikum.

Dafür wissen die jungen Frauen und die Mädchen eigentlich immer, woran sie sind, mit sich selber, untereinander und im Hinblick auf den Fremden. Eine Ausnahme ist die Lehrerin (Kirsten Dunst). Sie ist die verwundbarste von allen und die einzige, die im Reigen um Attraktion und Macht eher Spielfigur bleibt als Spielerin.

Die Regisseurin Coppola sitzt auf einer Treppe. Die Darstellerinnen umrahmen sie. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Gruppenbild mit Regisseurin: Sofia Coppola umrahmt von ihren Darstellerinnen. Focus Feature

Sofia Coppola holt das Maximum heraus aus der Kernanlage des Frauenhaushalts mit Männerbesuch. Dabei bleibt sie aber ihren Mädchen zugetan, lässt die Figuren viel weniger zu Typen werden als im Film von 1971. Sie ist vor allem stets darauf bedacht, die subtilen und weniger subtilen Verschiebungen im emotionalen und tatsächlichen Machtgefüge im Auge zu behalten.

Zeitgeist ist hier richtig und feinfühlig

Es ist erstaunlich und erfreulich, wie zeitgenössisch und eindringlich Sofia Coppolas Neuinterpretation dieser Geschichte geworden ist. Insbesondere angesichts der Tatsache, dass sie am Plot kaum etwas geändert hat, und manche Einstellung direkt zurück verweist auf das, was Don Siegels Film im Rückblick völlig unzeitgemäss erscheinen lässt.

In Sofia Coppolas Version von «The Beguiled» steckt nun eine Gegenwärtigkeit, eine fliessende weibliche Sichtweise, gepaart mit einer exquisiten Schönheit und einem zuweilen überraschend klaren Humor, der diesen Film mitten im Zeitgeist ansiedelt. Für einmal ist das nicht opportunistisch, sondern richtig, grosszügig und feinfühlig.

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