Zum Inhalt springen

Header

Nahaufnahme einer Frau unter einem Schleier.
Legende: Emmanuelle Bercot (Regisseurin von «La tête haute») als Braut in Maïwenns neuem Film «Mon roi». Filmfestival Cannes
Inhalt

Filmfestival Cannes Das Kino ist um eine französische Beziehungskiste reicher

In «Mon roi» dreht sich alles um eine unmögliche Liebe: um die Probleme zwischen einer Anwältin und einem Partylöwen, zwischen Tagpflanze und Nachschattengewächs. Regisseurin Maïwenn zeigt diese Liebe in intensiven Szenen einer Ehe – die dank gescripteter Improvisationen glaubwürdig wirken.

Nach kurzem Zögern wirft sich eine Skifahrerin auf die vereiste Piste und rast an einer verdatterten Familie vorbei. Dann folgen auf der Tonspur jene knackenden Geräusche, die nur das Kino besser beherrscht als das Leben.

Die Rehaklinik als Ort der körperlichen und seelischen Gesundung, das ist das Setting von Maïwenns viertem Langspielfilm: simpel und funktional. Noch einfacher ist das Erzählprinzip von «Mon roi»: Der Film besteht im Wesentlichen aus Rückblenden in die Erinnerungen von Tony, gespielt von Emmanuelle Bercot, deren eigener Film «La tête haute» das diesjährige Festival eröffnet hat.

Repetitiv, aber überzeugend

Video
Ausschnitt aus «Mon roi» (französische Originalversion)
Aus Kultur Extras vom 18.05.2015.
abspielen

In «Mon roi» dreht sich alles in intensiven Szenen um die unmögliche Liebe zwischen Tony und einem – von Vincent Cassel mit gewohnter Intensität gespielten – Restaurantbetreiber: zwischen einer Anwältin und einem reichem Partylöwen, einer Tagpflanze und einem Nachtschattengewächs.

Es sind Szenen einer Ehe, die sich, anders als bei Bergman, aus gescripteten Improvisationen ergeben haben. Sie wirken überzeugend, wenn auch, was in der Natur der Sache liegt, mit der Zeit etwas repetitiv.

Der Realismus von Beziehungen

Aber gerade das macht einen Teil des Realismus aus. Schliesslich sind es die absehbaren Erwartungs- und Verhaltensmuster, die jede Beziehung auf die Probe stellen.

Mit problematischen Beziehungen kennt sich Maïwenn aus. Als 16-Jährige verliebte sie sich in Luc Besson, er ist der Vater ihrer Tochter Shana, erst Ende der 1990er-Jahre trennten sich die beiden definitiv.

Schauspieler laufen zu Hochform auf

Maïwenns grösstes Problem, so erzählt sie im Interview, sei die Glaubwürdigkeit der Liebe zwischen den beiden, das Schreiben glücklicher Szenen, die nicht falsch wirken. Die Arbeit daran, zusammen mit Koautor Etienne Comar, hat sich gelohnt.

Emmanuelle Bercot und Vincent Cassel laufen gemeinsam zu Hochform auf, wenn das Paar fröhlich ist. In diesen Szenen erweist sich sogar der meist griesgrämig wirkende Louis Garrel als komödiantisches Talent. Er spielt Tonys fürsorglichen Bruder, Maïwenns Schwester Isild Le Besco nicht minder gut gelaunt dessen Frau.

Einblick in eine jugendliche Ghetto-Welt

Portrait der Filmemacherin Maïwenn.
Legende: Als Regisseurin und Schauspielerin holt Maïwenn aus dem Ensemble eine Glanzleistung heraus. Filmfestival Cannes

Maïwenn stand schon als Fünfjährige vor der Kamera. In Jean Beckers Neo-Klassiker «L’été meutrier» von 1983 spielte sie die von Isabelle Adjani verkörperte «Elle» als Kind.

Sie kann mit Schauspielerinnen und Schauspielern umgehen, vor allem kann sie aus einem Ensemble eine Glanzleistung herausholen, wie sie im Wettbewerb von Cannes 2011 bereits mit «Polisse» bewiesen hat.

Am stärksten sind denn auch in «Mon roi» die Ensembleszenen, insbesondere jene mit einer lockeren Gruppe Jugendlicher im Rehazentrum, der sich die Anwältin nach einiger Zeit anschliesst. Deren permanente Witzeleien und freundschaftliche Ghetto-Attitüden-Parodien zeigen ein komplett andere Welt und eine fast schon utopisch wirkende Offenheit für die anderen. Man hat Mühe, sich diese Kids in einer ähnlichen Beziehungsmühle vorzustellen.

«Mon roi» ist ein sehr französischer Film. Im angelsächsischen Raum dürfte er auf wenig Begeisterung stossen. Aber das Kino ist definitiv um eine weitere Variante der ewigen Beziehungskiste reicher – und definitiv um eine aus weiblicher Sicht.

Cannes: Frisch ab Leinwand

Box aufklappen Box zuklappen

SRF-Filmkritiker Michael Sennhauser schaut sich in Cannes dutzende Filme an und schreibt über seine ersten unmittelbaren Eindrücke.

Mehr Filmbesprechungen unter sennhausersfilmblog.ch.

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Wir haben Ihren Kommentar erhalten und werden ihn nach Prüfung freischalten.

Einen Kommentar schreiben

verfügbar sind noch 500 Zeichen

Mit dem Absenden dieses Kommentars stimme ich der Netiquette von srf.ch zu.

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.

Es wurden noch keine Kommentare erfasst. Schreiben Sie den ersten Kommentar.