70. Filmfestival Cannes «Good Time» beschert Filmfans keine gute Zeit

In «Good Time» der Regiebrüder Benny und John Safdie jagt eine Dummheit die nächste. Hauptdarsteller Robert Pattinson wirkt dabei so eindimensional und dümmlich wie der ganze Film.

Robert Pattinson und Benny Safdie in «Good Time». Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Klaumauk wär ja ok – aber was soll dieser Film? Robert Pattinson und Benny Safdie in «Good Time». Ad Vitam

Als «Strassenopern» wurden die Filme der New Yorker Safdie-Brüder schon bezeichnet. In gewissem Sinne trifft das ihr jüngstes, sehr lautes und einigermassen sinnloses Werk ganz gut.

Trailer «Good Time»

1:57 min, vom 26.5.2017

Amateurhafte Dummheit

Robert Pattinson spielt in «Good Time» wieder einmal sehr eindimensional: Einen jungen Mann namens Connie Nikas, der zu Beginn des Films seinen offensichtlich geistig behinderten Bruder aus einer Therapie-Session holt und gleich zu einem amateurhaften Banküberfall mitnimmt.

Der Bruder, Nick Nikas, wird vom einem der Regie-Brüder, Ben Safdie, gespielt. Die Geschichte endet wieder in der gleichen Therapie-Klinik beim gleichen Arzt – so die Rahmenhandlung. Es ist der einzige nachvollziehbare Erzählstrang, der nicht von absoluter Dummheit getrieben scheint.

Flucht, Farbe, Fehlerkette

Der Rest des Films ist eine frenetische Abfolge einer von ziemlicher Idiotie getriebenen Kausalkette. Der Banküberfall gelingt zwar scheinbar, aber im Fluchtauto explodiert natürlich die Farbkapsel in der Tasche. Das Geld ist unbrauchbar und macht die Täter leicht erkennbar.

Robert Pattinson in «Good Time». Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: So eindimensional wie der ganze Film: Robert Pattinson in «Good Time». Ad Vitam

Auf der Flucht vor der Polizei kracht Nick durch eine Glastür und bleibt liegen. Worauf ihn sein Bruder aus dem Gefängnis holen möchte, bevor ihm dort etwas passiert. Dazu muss er die Kaution begleichen. Das Geld erhält er von der Mutter seiner von Jennifer Jason Leigh gespielten Gebrauchsfreundin.

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Türmen im Rollstuhl

Aber natürlich hat sich der geistig behinderte Nick in der Zelle schon alle zum Feind gemacht und wurde spitalreif geprügelt. Denn seine Aggressivität ist nicht ohne Weiteres als Behinderung identifizierbar.

Connie entführt ihn aus dem Spital, total zubandagiert und im Rollstuhl. Was sich auf immerhin überraschende Weise später als grösserer Fehler herausstellt, als man annehmen würde.

Überladen wie ein Videoclip

Good Time beginnt frenetisch und steigert sich ins Hysterische. Die Handlung könnte, mit etwas weniger Gewalt und Brutalität, auch eine Komödie antreiben. Einzelne Szenen sind durchaus als Kabinettstückchen zu würdigen: Wenn etwa eine Figur dauerquasselnd ihre eigene vermasselte Tour rekapituliert.

Aber übers Ganze gesehen ist dieser Film so aufgeblasen und selbstherrlich wie der elektronische Bombast-Sound von Daniel Lopatin, alias Oneohtrix Point Never, der auch schon Sofia Coppolas «The Bling Ring» unter- (oder über-)malt hat.

Robert Pattinson in «Good Time». Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Grelle Töne, laute Musik können die flache Story nicht übertünchen. Ad Vitam

Hier kommt der Begriff «Strassenoper» dem Ganzen schon ziemlich nahe, zumal die Musik hin und wieder komplett übernimmt und die Bilder fast zum Videoclip degradiert.

Ärgerliche Pseudotiefe

Eine Geschichte über einen offensichtlich ziemlich unintelligenten Mann (und damit ist nicht der geistig behinderte Bruder gemeint), der seine eigenen Idiotien verkettet mit denen eines saufenden Junkies, der sich unter LSD auch schon mal aus einem fahrenden Taxi fallen lässt, und der Naivität eines 16-jährigen schwarzen Mädchens: Das ist am Ende weder interessant, noch werden irgendwelche Einsichten vermittelt.

Damit das nicht auffällt, schwängert die Rahmenhandlung um den behinderten Bruder und seine Therapie das Ganze mit etwas Pseudobedeutung. Damit disqualifiziert sich der ganze Film dann auch noch auf dieser Ebene, indem der Behinderte herhalten muss als Motor für alles andere.

Nachtrag

Der Zirkus hier in Cannes hat zur Folge, dass einem manchmal die subjektiven Pferde durchbrennen und schlechte Laune kann sich steigern bei der Arbeit. Wenn ich mein Gemäkel von weiter oben jetzt lese, mag ich jeden Satz weiterhin für gültig halten. Aber ich habe über meiner inhaltlichen Argumentation die formalen Aspekte des Films sträflich vernachlässigt.

«Good Time» ist verblüffend gut gemacht. Kamera und Schnitt, die atemlos schnelle, peitschende Dramaturgie, die reine erzählerische Energie sind bewundernswert und ziemlich einzigartig. Das ist ein Film wie ein höchst disziplinierter, kontrollierter Trip.

Dass ich mich weder mit den Figuren noch mit ihren Geschichten anfreunden mag, ist schade Ich werde das Gefühl nicht los, die Safdie-Brüder bauen hier eine Welt, die sie imaginieren und gleichzeitig behaupten sie ihre reale Existenz.

Das ist tatsächlich beeindruckend kunstfertig. Aber eben auch artifiziell.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur Kompakt, 26.5.17, 07:20 Uhr