Shahrbanoo Sadat – von Afghanistan ans Filmfestival Cannes

Shahrbanoo Sadat ist 26 und kommt aus Afghanistan. Ein Land, in dem die Selbstentfaltung einer Frau lebensbedrohlich sein kann. Umso erstaunlicher: Ihr Erstlingswerk in Eigenregie, «Wolf and Sheep», läuft auf dem bekanntesten Filmfest der Welt. Wie hat sie das geschafft?

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5 Fragen an Shahrbanoo Sadat

4:52 min, vom 19.5.2016

«Nenn mich einfach Shar», sagt Shahrbanoo Sadat herzlich. Gesprächig und aufgeschlossen stellt sich die 26-Jährige den Fragen der vielen Journalisten, die sich beim Pressetermin in Cannes um sie reissen.

Bis auf ihren Namen, der für jemanden aus dem Westen schwierig auszusprechen ist, wirkt an Shahrbanoo Sadat nichts aussergewöhnlich. Shar könnte genauso gut von einer europäischen Filmhochschule kommen und es mit Talent und Glück geschafft haben, ihren ersten Spielfilm ins Programm von Cannes zu bekommen.

Aber Shar ist alles andere als gewöhnlich. Sie ist eine afghanische Regisseurin, die in Kabul lebt und arbeitet. Sie dreht also Filme und gibt Regieanweisungen in einem Land, in dem Frauen so gut wie nichts zu sagen haben und das Streben nach Selbstentfaltung lebensbedrohlich sein kann.

Szene aus «Wolf and Sheep». Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Wolf and Sheep» porträtiert den Alltag einer kleinen Dorfgemeinschaft in Afghanistan. Virginie Surdej Lighter

Ein Film über das Leben, nicht über den Krieg

Jetzt läuft ihr Film «Wolf and Sheep» in der unabhängigen Festival-Sektion «Quinzaine des Réalisateurs». Ein Film, der den Alltag einer kleinen Dorfgemeinschaft in Afghanistan porträtiert. Shar war es wichtig, das Leben von Bauern und Hirten in der afghanischen Steppe zu zeigen, abgeschnitten von der Aussenwelt und fernab vom Krieg.

Shar war bereits 2011 in Cannes dabei. Damals lief ihr Kurzfilm «Yeke Varune». Da war sie gerade mal 21 Jahre alt. Daraufhin nahm man sie – als jüngste Teilnehmerin überhaupt – in die Cannes Cinefondation Residency auf. Dabei handelt es sich um ein Förderprogramm, bei dem Filmemacher bei der Ausarbeitung ihres ersten oder zweiten Spielfilms unterstützt werden. «Wolf and Sheep» entstand im Rahmen dieses Programmes.

Die ewige Aussenseiterin

Für die Finanzierung von «Wolf and Sheep» startete Shar vor zwei Jahren ein Crowdfunding-Projekt. Dafür drehte sie ein Video. In dem zeigt sie das Dorf, in dem sie aufwuchs. Sie erzählte von ihrem Leben auf dem Land und wie sie als einziges Mädchen auf die Jungen-Schule gehen durfte.

Shahrbanoo Sadat beantwortet in Cannes Fragen zu ihrem Film «Wolf and Sheep». Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Shahrbanoo Sadat beantwortet in Cannes Fragen zu ihrem Film «Wolf and Sheep». Quinzaine des réalisateurs

An ihrer alten Schule und der direkten Umgebung suchte sie nach den Schauspielern für ihren Film. Sie machte ein Casting mit rund 800 Kindern. Denn das Besondere an «Wolf and Sheep» ist, dass es das Landleben in der afghanischen Einöde aus der Perspektive der Kinder erzählt.

Die Kinder im Film, das sind fast schon kleine Erwachsene, die schon früh ihren Platz in der Gemeinschaft kennen. Mädchen wie Jungen verrichten zwar die gleichen Arbeiten, doch die Geschlechtertrennung ist ihnen schon klar.

Ewige Aussenseiterin in der afghanischen Gesellschaft

In einer Welt, in dem der Wert der Kinder mit Schafen und Rindern aufgewogen wird, entsteht eine Freundschaft zwischen einem Mädchen und einem Jungen, zwei Aussenseitern. Shar, selbst eine ewige Aussenseiterin in der afghanischen Gesellschaft, reflektiert mit «Wolf and Sheep» ihre eigene Kindheit.

Jetzt sitzt Shar mit 26 Jahren am Strand von Cannes und verblüfft mit ihrer Natürlichkeit. Für sie ist es eine grosse Ehre, dass ihr Film einem grossen, internationalen Publikum zugänglich gemacht wird. Mit Erfolg. «Wolf and Sheep» hat im Verlauf des Festivals bereits einen Schweizer Kinoverleiher gefunden. Doch für Shar wäre es die grösste Ehre, wenn ihr Film auch in ihrem Heimatland gezeigt werden dürfte. Ob das je passiert, steht in den Sternen.