Agnès Varda: «Ich bin der Dinosaurier der Nouvelle Vague»

Gestern Abend hat die Belgierin Agnès Varda auf der Piazza Grande den Ehrenleoparden entgegengenommen. Die 86-Jährige ist erst die zweite Frau, die die Auszeichnung erhält. Ein Gespräch über die Karriere der Filmemacherin.

Regisseurin Agnès Varda. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Agnès Varda: Die «Grossmutter der Nouvelle Vague» sieht sich selbst eher als Dinosaurier. Keystone

SRF: Agnès Varda, sie werden oft als die «Grossmutter der Nouvelle Vague» bezeichnet. Stört Sie diese Reduzierung?

Agnès Varda: Das amüsiert mich enorm. Schon zu Beginn meiner Karriere, ich war etwa 30 Jahre alt, hat ein Journalist in einer Zeitung geschrieben: die Vorfahrin der Nouvelle Vague. Ich habe mich damals gefragt: Wenn man mich jetzt schon so bezeichnet, wie wird das bloss ausgehen? Also heute bin ich wohl eher der «Dinosaurer der Nouvelle Vague» – aber eben: Grossmutter zu sein heisst ja vor allem, vor den anderen gewesen zu sein.

Was bedeutet es denn, vor den anderen zu sein?

Ich denke, es ist wichtig, eine eigene Handschrift zu finden, einen eigenen Zugang zu Themen und Geschichten. Ein Thema kann man von so vielen Seiten betrachten. Zum Beispiel mein Film «Sans toit ni loi»: Da wird draussen in der Kälte eine tote Frau gefunden. Mir ging es nicht darum, aufzudecken, wer sie getötet hat, wie bei einem Krimi. Sondern wie sie die letzten Monate ihres Lebens gelebt hat. Wer sie war. Und wie sie bis jetzt überlebt hat. Einfach uninspiriert eine bestehende Buchvorlage oder ein Bühnenstück zu verfilmen, das war nie mein Ding.

Arbeiten Sie heute, im digitalen Zeitalter, anders?

Mir ist durchaus bewusst, dass man heute Filme vor allem daheim vor dem Fernseher schaut. Oder auf dem Computer oder dem Handy. Es ist mir deshalb immer noch ein Anliegen, den Menschen die Lust am Kinobesuch schmackhaft zu machen. Da sieht man den Film mit anderen Leuten zusammen und kann die Emotionen teilen.

Gibt es denn sowas wie eine Erfolgsgarantie, ein Konzept, damit ein Film erfolgreich wird und die Menschen ins Kino gehen?

Nein. Handys, Netflix etc. – das sind Zeitgeist und Realität heute. Das lässt sich nicht aufhalten. Aber ein Kinosaal – das ist einfach unvergleichbar.

Zum Erfolg eines Films: Ich habe immer gewusst, dass gewisse Filme funktionieren und andere nicht. Aber zu sagen, welche, war immer schwierig. Zum Beispiel den vorher erwähnten Film «Sans toit ni loi». Ich war mir sicher, dass dieser Film nicht populär werden wird. Zu meiner grossen Überraschung hat der Film 1985 in Venedig den Goldenen Löwen gewonnen und wurde sehr erfolgreich. Schlussendlich sind wohl verschiedene Faktoren dafür verantwortlich, ob ein Film floppt oder Erfolg hat. Manchmal klappt's, manchmal nicht.

Und wie sieht's in der Schweiz aus? Funktionieren Ihre Filme hier?

Ich glaube, nur die wenigsten meiner Filme aus den letzten Jahren wurden überhaupt in der Schweiz gezeigt. Vielleicht nur kurz oder in kleinen Kinos. Darum kennen wohl die meisten Schweizerinnen und Schweizer meine Filme nicht mehr. Vielleicht noch ein paar Alte, die noch wissen, was ich alles gemacht habe.

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