Alain Berset: «Kulturpolitik macht Spass, aber nicht nur Freunde»

Bundesrat Alain Berset wünscht sich, dass sich die Schweizer Bevölkerung an der Kultur des Landes beteiligt – möglichst stark. Doch wie will ihm das gelingen? Der Kulturminister über Filmförderung, seine Verbindung zu Locarno und die Frage, warum sich Kultur in der Schweiz nicht selbst finanziert.

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Bildlegende: Alain Berset, Kulturminister: «In Locarno geht es für mich um Kulturpolitik». Festival del Film / Massimo Pedrazzin

Alain Berset, Sie haben gestern hier in Locarno die Kulturbotschaft des Bundes vorgestellt, die ja schon länger bekannt ist. Sie besteht aus drei Grundpfeilern: Teilnahme, Zusammenhalt und Innovation. Was Sie als «Teilnahme» bezeichnen, findet in Locarno tatsächlich statt: Die Leute kommen her und schauen sich Filme an, die sie sonst vielleicht nicht sehen würden.

Alain Berset: Ja, so ist es. Aber ein Filmfestival zu besuchen ist nicht das einzige, was der Bundesrat unter Teilnahme versteht. Wir verstehen sie breiter: Möglichst viele Menschen sollen in der Schweiz an der Kultur teilnehmen können. Dazu gehören Museumsbesuche, in einem Chor mitzusingen, Musik im Dorf zu machen. Die Schweizer Bevölkerung ist grundsätzlich sehr interessiert an Kultur, und das muss unbedingt gepflegt und unterstützt werden. Das ist unsere Idee der Teilnahme. Ein Besuch am Filmfestival hier in Locarno gehört aber sicher auch dazu.

Vor allem Politikerinnen und Politiker zeigen sich gerne in Locarno. Kommen die alle wegen der Medien, wegen des Publikums oder wegen der Filme hierher?

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Die Kulturbotschaft des Bundes

In der Kulturbotschaft des Bundesamtes für Kultur sind die Kulturpolitik sowie die finanziellen Mittel zur Kulturförderung festgelegt. Diese wurden 2009 mit der Verabschiedung des neuen Kulturförderungsgesetzes durch das Parlament bestimmt. Die erste Kulturbotschaft gilt zwischen 2012 und 2015 und umfasst einen Kredit von 669,5 Millionen Franken.

Von mir kann ich sagen, dass ich seit 20 Jahren nach Locarno komme. Also schon bevor ich Politiker war. Hier hat man die Möglichkeit, Neues zu entdecken, interessante Leute zu treffen und sich mit ihnen auszutauschen. Dazu kommt, dass es hier in Locarno Anfang August einfach wunderschön ist.

Doch: Seit ich Bundesrat bin, ist es anders. Jetzt geht es um Kulturpolitik, um Filmförderung.

Sie sprechen in Ihrer Kulturbotschaft von Teilnahme und Innovation als wichtige Pfeiler der Kulturförderung. Zu kultureller Innovation gehören immer auch avantgardistische Kunstströmungen, die eine in der Bevölkerung breit abgestützte Teilnahme eher ausschliessen.

Ich glaube nicht, dass das so ist. Innovation hat mit Vielfalt zu tun. Und in der Schweiz hat Vielfalt Tradition: sprachlich, regional, kulturell. Eine in der Bevölkerung breit abgestützte Teilnahme an kulturellen Ereignissen schliesst deren innovativen Charakter nicht aus. Ebenso schliesst innovative Kultur die Teilnahme der breiten Bevölkerung nicht aus. Innovation und Teilnahme passen also sehr gut zusammen.

Die Filmgeschichte liefert ein gutes Beispiel dafür, dass Avantgarde-Kunst auch in breiten Bevölkerungskreisen Anklang findet. Die Avantgarde-Musik, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand, fand in den Science-Fiction-Filmen der 1950er-Jahre Verwendung. Plötzlich stand sie für etwas und wurde für viele Leute interessant. Ist es nicht so, dass sich Kultur, die von vielen Leuten akzeptiert ist, auch durch nicht-staatliche Gelder finanzieren lassen würde?

Mehr Geld für Schweizer Filme

1:35 min, aus Tagesschau vom 7.8.2014

Das kann in einem grossen Land vielleicht funktionieren. Aber dann geht die bereits angesprochene Vielfalt verloren. Die Frage ist vielmehr: Welche Rolle übernimmt der Bund? Geht es darum, voranzutreiben, dass immer mehr Filme in Schweizer Kinosälen laufen? Nein. Vielmehr geht es darum, einen Rahmen zu schaffen, der Kreativität fördert. Die Politik hat nichts zu sagen wenn es darum geht, was die Künstler tun. Aber sie soll die Basis schaffen, dass sie etwas tun.

Die Innovation ist nicht in allen Sparten der Kulturförderung möglich: Zwar ist die Denkmalpflege hin und wieder technisch innovativ, aber eigentlich wahrt sie das, was schon da ist.

Das stimmt. Die Politik hat in Demokratien aber auszuführen, was sich die Bevölkerung wünscht. Es gibt klare Mehrheiten in unserem Land, die denken, dass es wichtig ist, Denkmäler zu pflegen und Renovierungen zu unterstützen. Und deswegen ist es für uns eine Ehre, dies auch zu tun.

Ein weiterer Pfeiler Ihrer Kulturbotschaft ist der Zusammenhalt. Diesbezüglich haben Sie erläutert, dass der Bund vor allem die Koordination fördern sollte: zwischen den Landessprachen und zwischen den Landesteilen. Einen Film kann man untertiteln – dann kann er in allen Landessprachen in allen Landesteilen gezeigt werden. Aber ein Buch? Das ist nicht so einfach.

Ein Buch kann man übersetzen. Ein Ziel der Kulturbotschaft ist es, die Möglichkeiten von Übersetzungen von Schweizer Literatur besser auszubauen. Die Schweiz besteht seit Jahrhunderten. Damit das so bleibt, müssen wir pflegen: die Vielfalt, die Mehrsprachigkeit, die unterschiedlichen Kulturen, die ohne Austausch nicht nebeneinander existieren können. Das nationale Selbstbewusstsein wird durch die Kultur gestärkt: Wer sind wir? Wo stehen wir?

Die sechs Millionen Franken, die Sie jährlich mehr in die Filmförderung stecken wollen, verstehen Sie auch als Standortförderung für die Schweiz.

Dreharbeiten in der Schweiz werden mit diesem Geld unterstützt. Das ist das erste Mal seit 15 Jahren, dass man auf Bundesebene ein neues Förderinstrument schafft. Das ist bereits ein wichtiger Schritt. Klar, es werden immer mehr Forderungen gestellt an die Kulturförderung von Seiten der Kulturschaffenden. Aber irgendwo gibt es immer Grenzen. Und die Grenze für den Bundesrat ist jetzt erst einmal erreicht.

Unser Ziel ist es, eine Kulturpolitik zu finden und zu betreiben, die im Interesse des Landes ist. Diesen Weg zu gehen macht Spass. Aber eben nicht immer nur Freunde.

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