«Bangkok Nites» bleibt – und will wieder gesehen werden

Mit «Bangkok Nites» ist Katsuya Tomita ein rarer Wurf gelungen: Ein Film, der lakonisch, nicht larmoyant, zuweilen mit feinem Humor, die knallharte Realität vermittelt. Ohne anzuklagen, ohne an ein Gewissen zu appellieren. Ein Film, der den Goldenen Leoparden verdient hätte.

Frau am Fenster in der Nacht. Wir sehen sie von hinten und ihr Spiegelbild in der Scheibe. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Referenz an Francis Ford Coppolas «Apocalypse Now»: Luck steht am Fenster und sagt «Shit. Bangkok.» Festival del film Locarno

«Dieses Land ist das Paradies. Solange du draussen bleibst.» Das sagt einer der Männer in Thailand zum Japaner Ozawa (gespielt von Regisseur Tomita selbst). Ozawa war Soldat in der japanischen «Verteidigungsarmee» und hat nach seiner Dienstzeit nie richtig Fuss gefasst im Leben.

Endstation Bangkok

Ozawa ist einer der wenigen Freunde im Leben von Luck, die eigentlich Ling heisst, und wie Tausende andere Frauen vom Land nach Bangkok gekommen ist, um als Prostituierte die Familie zuhause zu versorgen.

Die erste Einstellung des Films ist eine Referenz an Francis Ford Coppolas «Apocalypse Now». Luck steht am nächtlichen Fenster eines Hochhaus-Appartements. Wir sehen ihr Spiegelbild, und sie sagt: «Shit. Bangkok.»

Frauen sitzen auf Stufen. Jede trägt eine Nummer. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Frauenbazar: Prostitution als Ausweg aus der Armut. Festival del film Locarno

Königin unter den Prostituierten

Dann wendet sie sich ihrem Kunden zu, einem japanischen Geschäftsmann, der jammert, sie solle ihn doch noch an den Flughafen begleiten.

«Den will ich nicht mehr», erklärt sie später im Taxi am Telefon ihrem Zuhälter, «der geht mir auf die Nerven».

Luck kann sich das leisten. Unter den arbeitenden Frauen in ihrer Umgebung ist sie die Königin, jene mit den reichsten Kunden.

Und die reichsten, das sind in der Regel die Japaner, auch wenn sie bei den Thai-Frauen ansonsten einen sehr schlechten Ruf haben: Ungepflegt, arrogant, bösartig, selbst gewalttätig seien sie, die Japaner.

Die Mutter eine drogenabhängige GI-Witwe

Um so verblüffender denn auch die offensichtlich enge und vertraute Beziehung, welche Luck zu Ozawa pflegt.

Als dieser im Auftrag eines anderen Japaners nach Laos reisen soll, um dort neue Business-Gelegenheiten auszukundschaften, nutzt Luck die Gelegenheit und begleitet ihn ein Stück weit zu ihrer eigenen Familie, zu der sie ein kompliziertes Verhältnis hat, vor allem zu ihrer Mutter, einer drogenabhängigen GI-Witwe.

Ein rarer Wurf: Lakonisch, humorvoll und knallhart

Katsuya Tomita ist mit «Bangkok Nites» ein rarer Wurf gelungen, ein lakonischer, un-larmoyanter, zuweilen von feinem Humor durchdrungener Film, der eine knallharte Realität vermittelt.

Ohne anzuklagen, ohne an ein Gewissen zu appellieren. Ob es für den Goldenen Leoparden reichen wird? Verdient hätten es der Film und sein Regisseur.

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Frisch ab Leinwand

SRF-Filmkritiker Michael Sennhauser schaut sich am Filmfestival Locarno Filme an und schreibt über seine ersten unmittelbaren Eindrücke.

Mehr Filmbesprechungen unter sennhausersfilmblog.ch.

Magische Momente im Realismus

Katsuya Tomita ergänzt seinen oft dokumentarisch wirkenden Film um ein paar leise magische Momente. So hat Ozawa in Lucks Dorf zwei nächtliche Begegnungen mit einem freundlichen älteren Mann, der ihm etwas kuriose, aber eindeutig gutgemeinte Ratschläge gibt.

Schliesslich erzählt ihm Luck von der Seeschlange im Mekong: Ihr Vater habe behauptet, die Amerikaner hätten den Vietnamkrieg verloren, weil sie sie gefangen hätten. Und sie traue sich nicht mehr ins Wasser, seit sie ihr als kleines Mädchen beim Schwimmen begegnet sei.

Etwas später, bei einer Bootsfahrt mit ihrer Schwester, sieht sie wieder den silbernen, schuppigen Rücken unter der Wasseroberfläche dahingleiten.

Kurzweilige drei Stunden

«Bangkok Nites» ist mit seinen knapp über drei Stunden durchgehend kurzweilig und faszinierend, eine Reise in eine fremde Welt und in Lebensweisen, von denen nur zu ahnen ist, wie sie überhaupt zu bewältigen wären. Ein Film, der bleibt, und der wieder gesehen werden möchte.

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