Carlo Chatrian: «Die Angriffe auf Polanski sind unwürdig»

Festivaldirektor Carlo Chatriani macht inakzeptable Äusserungen von Kritikern verantwortlich für die Absage von Roman Polanski. Die Vorwürfe weist er von sich – der Preis für Polanski habe mit den Opfern von sexueller Gewalt nichts zu tun.

Polanski von der Seite, an eine Wand ist sein Schatten zu sehen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Seinen Besuch in Locarno hat Roman Polanski kurzfristig abgesagt. Keystone

Roman Polanski hätte einer der grossen Stars auf der Piazza sein sollen. Es war vorgesehen, dass der Regisseur mit seiner Frau Emmanuelle Seigner den gemeinsamen Film «La Vénus à la fourrure» zeigt und eine Auszeichnung entgegennimmt. Doch einen Tag vor der geplanten Ankunft liess der Regisseur in einem Statement verlauten, dass er seinen Besuch in Locarno absage. Als Grund gab er das Ausmass an Spannungen und Kontroversen an, die die Ankündigung seines Besuchs ausgelöst hätten.

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Bildlegende: Carlo Chatrian, künstlerischer Direktor des Filmfestivals Locarno. Keystone

Carlo Chatrian, der künstlerische Leiter des Festivals, fand in einem weiteren Statement deutliche Worte: Es sei der dunkelste Tag gewesen, seit er seine Arbeit als Direktor angefangen habe. Einige der Stimmen gegen Polanski seien inakzeptable Angriffe auf die persönliche Würde gewesen.

«Ein Verlust für das Festival»

Auch am Tag danach sagt Chatrian, dass es ein schwieriger Tag gewesen sei, weil ein Gast nicht kommt, den er gerne in Locarno gehabt hätte. Es sei ein Verlust – «Nicht für mich persönlich, sondern für das Festival». Doch das Festival gehe weiter, die Piazza sei gut besucht und die Besucher hätten Freude an Gästen wie Giancarlo Giannini.

Einer, der die Einladung von Polanski kritisiert hatte, ist der Tessiner CVP-Politiker Fiorenzo Dadò. Seine Kritik versteht er allerdings nicht als unzulässige Einmischung: «Ich habe als freier Bürger meine Meinung gesagt». Das sei keine Einmischung – wenn sich allerdings hinter den Kulissen Sponsoren negativ äussern würden, könne er dazu nichts sagen.

Starke Worte

Konfrontiert mit dieser Aussage sagt Chatrian, er mische sich nicht gerne in die Politik ein – schliesslich sei er künstlerischer Direktor. «Im Kern hat Dadò natürlich recht – als freier Mensch darf er sagen, was er will. Er muss sich aber bewusst sein, dass seine Worte ein besonderes Gewicht haben, weil er Politiker ist.»

Chatrian selbst habe in der eigenen Erklärung starke Worte gewählt, weil die Angriffe auf Polanski zuweilen unwürdig und persönlich gewesen seien – und das gehe nicht.

Dass der Rummel um Polanski zu erwarten gewesen sei – man erinnere sich etwa um die Verhaftung des Regisseurs im Rahmen des Zurich Film Festivals vor fünf Jahren – bestreitet Chatrian: Polanski sei in den vergangenen Jahren an verschiedenen Festivals zu Gast gewesen, in Cannes oder Venedig etwa. Dies seien Orte, an denen der Regisseur und seine Filme geschätzt würden. An Festivals gehe es um die künstlerische Seite und dazu gäbe es nichts weiter zu sagen.

Ein «Meister des Kinos»

Der Politiker Dadò widerspricht dieser Trennung zwischen der Privatperson und dem Künstler: «Der Preis ist eine Beleidigung für alle Menschen, die Opfer von sexueller Gewalt worden sind» sagt er. Chatrian entgegnet: «Der Preis, den wir Polanski überreichen wollten, heisst ‹Maestro del Cinema›. Polanski ist ein Meister des Kinos.» Mit den Opfern von Gewalt habe der Preis nichts zu tun, sagt Chatrian.

Dass das Festival von Polanskis Absage langfristigen Schaden davonträgt, glaubt der Direktor nicht. Zwar seien die Angriffe auf Polanski auch Angriffe auf die Piazza als Begegnungsort, sagt Chatrian. Doch die Piazza sei in den vergangenen Tagen täglich ein Ort der Begegnung und der Emotionen gewesen – etwa bei den Besuchen von Agnès Varda oder Giancarlo Giannini. Und ein solcher Begegnungsort werde sie auch in Zukunft bleiben, da sei er sich sicher, sagt Chatrian.

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