«Schweizer Helden» von Peter Luisi ist herzerwärmend und harmlos

Asylbewerber spielen Wilhelm Tell. Doch bevor der Tell den Pfeil abschiessen kann, wird er ausgeschafft. Das ist eine der Pointen in Peter Luisis neuem Film «Schweizer Helden». Eine herzerfreuende, harmlose Komödie, die auf der sicheren Seite bleibt – und deshalb nicht überzeugt.

Komi Mizrajim Togbonou auf der Bühne. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Tell im Durchgangszentrum: Komi Mizrajim Togbonou. Frenetic

Bevor der Tell überhaupt zum Apfelschuss kommt, muss er das Land verlassen. Das ist eine der etlichen, wirklich gut sitzenden Pointen in Peter Luisis neuer Tragikomödie. Ein Film, der daran erinnern will, wer unsere Helden sind.

Esther Gemsch spielt die leicht frustrierte sitzengelassene Hausfrau und Mutter Sabine. Diese verfällt eher zufällig der Idee, mit den Asylbewerbern im Durchgangszentrum im Rahmen eines Beschäftigungsprogrammes einen Willhelm Tell zu inszenieren. Was sie antreibt ist nicht der Versuch, ein tieferes Verständnis für die Situation der Menschen im Durchgangszentrum zu entwickeln. Sie will ihre verräterischen Freundinnen beeindrucken.

Esther Gemsch hält eine lanzenähnliche Waffe. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Sabine (Esther Gemsch) will Wilhelm Tell inszenieren (hier mit Klaus Wildbolz). Frenetic

Ein Spiel mit Kontrasten, das nicht richtig funktioniert

Der Plot ist einfach. Und er entstammt gemäss Peter Luisi der schweizerischen Wirklichkeit. Eine Bekannte von ihm sollte im Rahmen eines Integrationsprojektes eine psychodramatische Gruppe mit Flüchtlingen leiten. Sie studierte mit den Leuten schliesslich eine Reduktionsvariante von Schillers Willhelm Tell ein. Das war vor Jahren. Luisis erste Drehbuchversion geht auf das Jahr 2002 zurück. Damals war er 27 Jahre alt und hatte seinen ersten Erfolg «Verflixt verliebt» von 2004 noch vor sich.

Vielleicht hat es mit dem Alter des Drehbuchkonzepts und den dramatischen Veränderungen im Umgang der Schweiz mit Asylbewerbern zu tun: Diese Komödie scheint heute im Grundton zu harmlos und zu versöhnlich, fast apolitisch bieder. Dabei ist es keineswegs so, dass Peter Luisi sich um die tragischen Aspekte herumzumogeln versucht. Im Gegenteil: Es ist das Spiel mit den Kontrasten, das nicht so richtig funktionieren will.

Kabarett mit dramatischen Elementen

Asylbewerber in einem Zimmer. Sie amüsieren sich. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Sind das die «Schweizer Helden»? Frenetic

Fröhlich wie seinerzeit Rolf Lyssys Grosserfolg «Die Schweizermacher» kommt «Schweizer Helden» daher. Zu Beginn ist der Film ähnlich satirisch-bieder situiert, aber schliesslich doch auch deutlich dunkler und heftiger unterfüttert: Luisi bricht die kabarettistische Komik mit ein paar wenigen sehr direkten und dramatischen Szenen.

Für sich genommen erfüllen die ihre Funktion. Die paar heftigen Zugriffe der Polizei auf einzelne abgewiesene Asylbewerber im Durchgangszentrum wirken schockierend. Und überraschend und schneidend: Die wütende, frustrierte Aussage des Zentrumsleiters Hans-Jakob (Kamli Krejci), dass man Integration im Prinzip vermeiden müsse, um die eventuelle Ausschaffung nicht zu erschweren.

Zu herzerfreuend

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Publikumspreis in Locarno

«Schweizer Helden» von Regisseur Peter Luisi wurde am Filmfestival in Locarno mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. Der Preis ist mit 30'000 Franken dotiert.

Aber all dem gegenüber steht die Skilager-Atmosphäre innerhalb der bunt gemischten Menschengruppe im Heim. Jede der von professionellen und zum Teil absolut hinreissenden Schauspielerinnen und Schauspielern verkörperten Figuren wächst einem ans Herz. Selbst der als Katalysator eingebaute Ekelbolzen, der zunächst alle Bemühungen von Sabine und den Heimbewohnerinnen und -Bewohnern mit Hohn und Spott beobachtet.

Natürlich ist das ein Teil des Konzeptes. Und natürlich werden auch Konflikte unter den frustrierten und verängstigten Bewohnern aus aller Welt angedeutet. Aber das Zusammenwachsen zu einer grossen Familie wirkt dann doch zu herzerfreuend. Da helfen auch die paar bitteren Abschiede nicht über ein Gefühl von falscher Binnenharmonie hinweg.

Schweizer als Karikaturen

Das grösste Problem in der Konstellation ist aber wohl die biedere Zeichnung der Schweizerinnen und Schweizer. Sie fängt einerseits die karikierten Momente der Charakterisierung der Asylbewerber auf, sorgt sozusagen dafür, dass der liebevolle Spott sich über alle erstreckt. Andererseits aber nimmt sie dem Humor die Schärfe.

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SRF-Koproduktion

Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) hat diesen Film koproduziert.

Komik funktioniert dann am besten, wenn sie Angst macht, wenn sie an die Schmerzgrenze geht, wenn man sich fragt, ob «sowas» denn überhaupt noch drin liegt. Sanfter Spott über menschliche Schwächen auf allen Seiten, kontrastiert mit ein paar gewittermässig heftigen Realitätseinschüssen, führt aber eben gerade nicht in diesen Grenzbereich, in dem man Lachen und Nervosität nicht mehr auseinander halten kann.

Mit anderen Worten: «Schweizer Helden» bleibt stets auf der sicheren Seite, bei der Komik wie bei der Dramatik. Das ist unterhaltsam und charmant, manchmal herzerwärmend, manchmal erschütternd und nachdenklich machend. Aber man fühlt sich stets gut aufgehoben und wenigstens vorübergehend beruhigt in dem Film. Irgendwie unangebracht integriert.