«Tableau noir»: Dokumentarkino in Perfektion

Von Yves Yersin hatte man lange nichts mehr gesehen. Jetzt ist der Regisseur am Wettbewerb in Locarno mit «Tableau noir» dabei, einem Dokumentarfilm über eine winzige jurassische Gesamtschule. Ein aussergewöhnlicher Film über eine aussergewöhnliche Schule – direkt und intim.

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«Tableau noir» (Trailer)

1:01 min, vom 13.8.2013

Von Yves Yersin stammte einer der ersten Dokumentarfilme, die mich in meiner Schulzeit wirklich packten: «Die letzten Heimposamenter» über die Schweizer Seidenbandweber, 1974. Und einer der schönsten und erfolgreichsten Schweizer Spielfilme der 70er-Jahre: «Les petites fugues» (1979) mit Michel Robin als Bauernknecht Pipe, der auf seine alten Tage beginnt, die Welt zu erforschen – mit dem Mofa.

Herz und Kopf der Schule

Lehrer Gilbert Hirschi im Hintergrund, zwei Schüler zeichnen im Vordergrund. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Gilbert Hirschi ist das Herz und der Kopf der kleinen interkommunalen Schule. Festival del film Locarno

Danach kam nichts mehr von Yersin. Er unterrichtete, statt selber weiter zu filmen. Darum ist das Sujet von «Tableau noir», seinem neuen Dokumentarfilm im Wettbewerb von Locarno, auch so passend: Es geht um einen Lehrer, der an einer winzigen Gesamtschule in den Bergen des Jura die Kinder der Weiler unterrichtet – seit 40 Jahren, bereits die dritte Generation. Das heisst, die Eltern seiner Schüler waren auch schon seine Schüler.

Gilbert Hirschi ist das Herz und der Kopf der kleinen interkommunalen Schule. Und nun soll sie geschlossen werden. Yersin nimmt das zum Anlass, die Arbeit des Lehrers mit den Kindern ein Jahr lang zu beobachten. Das heisst, er ist vom ersten Schultag der Neueintretenden mit der Kamera dabei.

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SRF am Filmfestival Locarno

Im Radio:

SRF 2 Kultur und SRF 4 News sind während des Filmfestivals gemeinsam vor Ort: «Live aus Locarno» mit aktuellen Filmen und prominenten Gästen – vom 3. bis 11. August, Mo-Fr, um 11 Uhr live auf SRF 4 News und 12 Uhr auf SRF 2 Kultur.

Im TV:

«Filmfestival Locarno 2017 - Das Spezial» am 9. August um 22.25 Uhr auf SRF 1.

Die Kamera schnell vergessen

Wir lernen Hirschi kennen und zunächst sechs der neuen Kinder und einen guten Teil der älteren. Und weil die Dreharbeiten offenbar bald zum Schulalltag gehören, scheinen alle Beteiligten die Kamera sehr schnell zu vergessen.

Die Direktheit und Intimität, welche Yersin erreicht, sucht ihresgleichen. Kinder zu beobachten, braucht mehr als nur Diskretion. Das geht nicht ohne ein grosses Herz und grosse Neugierde. Denn neben all den urkomischen und rührenden Momenten gibt es auch jene, welche jeden Dokumentarfilmer zum Zittern bringen können. Momente des Streites, eine Prügelei zwischen zwei Mädchen, Augenblicke, in denen der Erwachsene eigentlich eingreifen müsste – es sei denn, er vertraut den Kindern und der Situation an der Schule.

Der Film sprudelt von Momenten

Und genau dies ist es, was diesen Film über vergleichbare hinaushebt: Hirschi ist ein aussergewöhnlicher Lehrer, und die kleine Schule ist keine Erziehungsanstalt, sondern ein Ort, an dem die Kinder lernen und wachsen, ohne Zwang und Druck.

So wird die Prügelei der beiden Mädchen sehr schnell durch ein paar besonnene Sätze eines älteren Schülers beendet, die Gruppe bleibt intakt und die beiden haben jede Möglichkeit, ihr Gesicht zu wahren und mit sich selber klar zu kommen.

Das ist nur ein Beispiel unter ganz vielen. Der Film sprudelt von Momenten, in denen man mit den Kindern staunt – über ihre enorme Selbständigkeit und vor allem ihre Solidarität und ihr Gespür für die anderen.

Auch technisch beeindruckend

Ein Kind schreibt mit Kreide an die Tafel das Wort «Signe». Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Man staunt über die Kinder, über ihre enorme Selbständigkeit, ihre Solidarität. Festival del film Locarno

Dass die jüngeren sich die älteren als Vorbilder nehmen können, ohne von diesen in eine Hierarchie gedrückt zu werden, scheint das Resultat jahrzehntelanger Aufbauarbeit zu sein. Wenn man Hirschi beim Unterrichten zuschaut – manchmal ganz dicht auf einem Kindergesicht bleibt, dann wieder von weitem die Übersicht gewinnt – dann wünscht man sich unwillkürlich, man hätte da zur Schule gehen dürfen.

Aufnahmetechnisch ist der Film ebenfalls beeindruckend. Die Kinder sind oft einzeln mit kleinen Funkmikrofonen verkabelt, die Kamera ist immer wieder so dicht an ihnen dran oder auf ihren Aufgaben drauf, dass es fast unmöglich scheint, sie nicht als Protagonist dabei zu haben. Und doch hat man nach den ersten scheuen Blicken Richtung Kamera vom ersten Tag an nie mehr das Gefühl, die Kinder fühlten sich beobachtet.

Wortlose Kommentarebene auf der Tafel

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SRG-Koproduktion

Die SRG ist Koproduzentin dieses Films.

Der Film ist in Kapitel unterteilt, die mit Kreide an eine Tafel geschrieben werden – aber animiert, nicht real. Und die Titel bezeichnen Farben oder Zustände, erschliessen sich also allenfalls in einer Interpretation. So wird das Dokumentarische subtil unterlaufen und es entsteht eine Art wortlose Kommentarebene.

Die entlädt sich dann am Schluss des Films, der emotional kaum stärker sein könnte – und dann noch einmal mit einem Trick des Filmemachers aufgefangen wird. «Tableau noir» ist Dokumentarkino in Perfektion.

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