Der aufregendste Film in Venedig ist vier Stunden lang

In Venedig zeigt der philippinische Regisseur Lav Diaz ein Meisterstück der Erzählkunst: «The Woman Who Left». Eine Frau kommt nach 30 Jahren im Gefängnis endlich frei. Sie war unschuldig und will sich nun für das erlittene Unrecht rächen.

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Goldener Löwe geht an «The Woman Who Left»

1:30 min, aus Tagesschau Spätausgabe Wochenende vom 10.9.2016

Regisseur Lav Diaz hat mit dem Spielfilm «Ang Babaeng Humayo» («The Woman Who Left») den aufregendsten Film am Festival von Venedig präsentiert. Wobei aufregend eigentlich das falsche Wort ist.

Endlich frei nach 30 Jahren Haft

Fast vier Stunden nimmt Diaz sich Zeit, um in langen Szenen, ruhigen Einstellungen und manchmal sehr dunklem Schwarzweiss die Geschichte von Horacia Somorostro zu erzählen.

Es ist das Jahr 1997, als Horacia aus dem Gefängnis entlassen wird. 30 Jahre lang war sie eingesperrt wegen eines Mordes, den sie gar nicht begangen hatte. Nun endlich hat die richtige Mörderin, ihre beste Freundin Petra, gestanden und sie entlastet.

«The Woman Who Left» (Trailer)

1:27 min, vom 9.9.2016

Gefährlich wie schon lang nicht mehr

1997 ist das Jahr, indem Prinzessin Diana und Mutter Theresa sterben. Es ist das Jahr, in dem sich die Zahl der Entführungen auf den Philippinen verdreifacht. Die Situation im Land ist gefährlich wie schon lang nicht mehr.

Das alles hört man ab und zu im Radio, der im Hintergrund läuft. Anders als bei früheren Filmen «Melancholia» (2008) und «From What is Before» (2014) des philippinischen Regisseurs bleiben die politische und historische Situation der Philippinen im Hintergrund seines Films.

Getrieben von Rache

Diaz konzentriert sich ganz auf die Hauptfigur. Diese will sich an dem Mann rächen, der zu diesem Mord angestiftet und dafür gesorgt hat, dass sie unschuldig eingesperrt wurde.

Frau steht am Fenster und blickt nach draussen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Horacias humane Haltung steht in krassem Gegensatz zu ihren Rachegefühlen. Hazel Orencio

Für ihre Rache nimmt sie sich Zeit. Horacia lässt sich an dem Ort nieder, an dem dieser Mann jetzt lebt. Sie freundet sich langsam mit den einfachen Menschen dort an, immer getrieben vom Gedanken, ihn, jetzt ein reicher Mann, umzubringen.

Die Gestalten der Schattenseite

Tatsächlich ist «The Woman Who Left» ein sehr zugänglicher Film, ein Beispiel grosser Erzählkunst. Nicht von ungefähr ist auch die Hauptfigur Horacia, eine ehemalige Lehrerin, eine gute Erzählerin.

Während die um ihr Leben Betrogene langsam auf ihre Rache wartet, lernt sie die Gestalten auf der Schattenseite des Lebens kennen: einen Buckliger, der gekochte Gänseeier verkauft, eine verrückte Stadtstreicherin und einen Transvestiten, den sie gesund pflegt, nachdem er fast zu Tode geprügelt wurde.

Horacias humane Haltung, die sie diesen Menschen gegenüber zeigt, steht dabei in krassem Gegensatz zum Rachegedanken, der sie antreibt – und tatsächlich rückt dieser langsam in den Hintergrund.

Lav Diaz handiert mit Kamera. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Lav Diaz ist bekannt für seine langen Filme. «The Woman Who Left» ist für seine Verhältnisse kurz. Grosse Erzählkunst. Hazel Orencia

Fast ein Kurzfilm

In der Festivalszene ist der Regisseur Lav Diaz kein Unbekannter. Mit seinen Filme holt er regelmässig Preise, begeistert Kritiker. Er ist bekannt für seine langen Filme: Acht Stunden dauerte «Melancholia», fünfeinhalb «From What Is Before».

Nicht zuletzt deshalb wurde am Filmfestival Venedig gewitzelt, Lav Diaz habe mit seinem neuesten Werk einen Kurzfilm vorgelegt, der sogar unter vier Stunden lang ist.

Kern einer Tolstoi-Erzählung

«The Woman Who Left» ist grosses Erzählkino und erweist einem der grössten Erzähler der Weltliteratur die Ehre: Leo Tolstoi. Dabei ist der Film keine Literaturverfilmung.

Lav Diaz bezieht sich auf Tolstois Erzählung «Gott sieht die Wahrheit, aber sagt sie nicht sogleich». Auch wenn er, wie er schreibt, sie schon fast vergessen habe, sich nur noch an den Kern der Geschichte erinnere.

Wenig passiert viel

«The Woman Who Left» ist ein Meisterwerk, einer dieser Filme, bei denen man keine Sekunde verpassen mag, minutenlang hinschaut.

Auch wenn wenig passiert, passiert eben doch ganz viel: in den Bildern, in den Szenen, aber auch im eigenen Kopf. Diesem Film ist der Goldene Löwe zu wünschen und der Darstellerinnenpreis für Charo Santos-Concio gleich dazu.