«Get»: ein israelischer Scheidungsprozess rüttelt auf

In Israels religiösen Kreisen kann eine Frau die Ehe nur mit Einwilligung des Mannes auflösen. Der kammerspielartige Film «Get – der Prozess der Viviane Amsalem» der Geschwister Elkabetz blickt erstmals hinter verschlossene Türen – und sorgt in Israel für heftige Diskussionen.

Eine Frau steht mit verzweifelter Miene hinter einem Tisch. Um sie herum stehen 5 Männer, alle mit Kippa. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Immer wieder ohne Erfolg: Viviane Amsalem (Ronit Elkabetz) kämpft vor Gericht um ihre Würde und für ihre Freiheit. Agora Films

«Er hasst mich, euer Ehren, er will mich unglücklich sehen, auf den Knien...» – das sagt die verzweifelte Viviane Amsalem vor dem Rabbinatsgericht. Ihr Mann, von dem sie seit Jahren getrennt lebt, bleibt auch im dritten Prozessjahr noch stur bei seinem «Nein» und verweigert ihr den «Get», den Scheidungsbrief.

Das heisseste Thema

Trailer zu «Get – der Prozess der Viviane Amsalem»

1:52 min, vom 5.2.2015

Ronit Elkabetz spielt die Rolle der Viviane in einem Film, der wie ein amerikanisches Prozessdrama inszeniert ist. Er besteht aus lauter Szenen der Eheleute vor dem Rabbinatsgericht, mit wechselnden Zeugen, aber stets dem gleichen Ausgang: Der Mann weigert sich, die Frau freizugeben.

Ronit Elkabetz, ursprünglich Model, dann mehr zufällig in die Schauspielerei gerutscht und zum Star geworden, hat das Thema mit ihrem Bruder Shlomi zusammen aufgenommen. «Get» ist schon der dritte Film der Geschwister über das fiktionalisierte Leben der Viviane Amsalem. Und er nimmt das bei weitem heisseste Thema auf.

Eine Frau darf nicht mehr heiraten

Denn dass nach dem orthodoxen jüdischen Regelwerk nur der Mann eine Ehe auflösen kann, ist schon seit Jahrhunderten ein gesellschaftliches, aber auch ein religiöses Problem. Nicht nur Rabbiner tun sich schwer damit. Kam zum Beispiel ein Mann nicht aus dem Krieg zurück oder war er sonst verschollen, brauchte es erheblichen Aufwand, um die Frau zur Witwe zu erklären und ihr eine neue Ehe zu ermöglichen.

In den meisten Ländern, die wie die Schweiz eine zivilrechtliche Ehe kennen, ist auch die Scheidung zivilrechtlich möglich. Selbst dort, wo eine allfällige Glaubensgemeinschaft sie dann nicht anerkennt. Aber in Israel – und in geringerem Mass auch im Staat New York in den USA, wo der Gesetzgeber bei jüdischen Ehen den «Get» auch für eine legale zivile Scheidung verlangt – kann eine Frau ohne die Zustimmung ihres ersten Mannes nicht mehr heiraten.

Kampf um Würde

Diese Situation spielen Ronit und Shlomi Elkabetz mit ihrem Film durch. Ronit spielt Viviane, der grossartige Simon Abkarian ihren Mann Elisha. Viviane ist seit Jahren getrennt von ihrem Mann und lebt ein eigenes Leben, wenn auch ohne richtigen sozialen Status und ohne neue Beziehung. Denn vor dem Gesetz und damit der Gesellschaft bleibt sie Elishas Frau.

Mit ihrem Freund als Anwalt tritt sie vor dem Rabbinatsgericht als reine Bittstellerin auf. Sie ist um ihre Würde bemüht und darum, sich von der offensichtlich bösartigen Sturheit ihres Mannes nicht provozieren zu lassen.

Riesenerfolg im Kino

Es gehe im Grunde um einen Mann und um eine Frau, sagt Shlomi Elkabetz, der Bruder der Schauspielerin, der mit ihr zusammen Regie führt. Die Kernfrage des Films sei einfach: Wer hat die Macht? «In unserem Film ist es klar», sagt Shlomi Elkabetz: «Die Macht liegt beim Mann. Und es ist der Staat, der ihm diese Macht gibt.»

Die Scheidungsproblematik wird in den jüdischen Gemeinden weltweit diskutiert. Aber in Israel, wo es kein ziviles Ehegesetz gibt, ist das Thema besonders virulent. Als der Film in Israel ins Kino kam, sagt Shlomi Elkabetz, war er dauernd ausverkauft. Denn die tatsächlichen Eheprozesse vor dem Rabbinatsgericht fänden stets unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Mehr als nur ein israelisches Politikum

Schliesslich wurde der Film in Israel so heftig verhandelt, dass der Oberrabbiner beschloss, den Film bei der demnächst stattfindenden Jahreskonvention der rabbinischen Gerichte vorzuführen. Als sie das hörten, hätten sie nicht nur gelacht, erinnert sich Shlomi Elkabetz, sondern geschrien vor Lachen.

Der Film, den das Geschwisterpaar gedreht hat, ist mehr als nur ein israelisches Politikum. Denn der Kampf um die Scheidung zwischen Mann und Frau wird facettenreich durchgespielt. Das psychologische Drama mit dem absurden Machtgefälle lässt den Schauspielern viel Raum jenseits aller Worte. Gerade das macht den Film zu einem intensiven, zuweilen erschütternden Erlebnis.

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