«God bless America» – eine mörderische Medienkritik

Verzehrt ein Porno-Star im australischen Dschungel Känguruhoden, ist das unschön. Wird dies aber zur Primetime im TV zelebriert, dann ist in den Medien der Wurm drin: Ein Mittvierziger und eine Pubertierende schlagen im Kampf gegen die Verblödung einen radikalen Weg ein.

Mädchen in Kleid mit Machinengewehr vor Logo von American Superstar Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der grösste Coup: Das Finale von «American Superstar», der Schmiede der menschenverachtenden Massenunterhaltung. Studio / Produzent

Das TV-Programm, das sich dem Amerikaner Frank bietet, ist eigentlich zum Davonlaufen. Aber es ist wie ein schlimmer Unfall: Man möchte nicht hinschauen, bleibt aber dennoch sitzen und glotzt. Ist es die Lust am Sinnlosen? Katastrophen-Voyeurismus? Will man mit den Kollegen im Büro mitreden können? Prügelnde Teenager, schreiende Teenie-Mütter, debile Casting-Shows, rassistische Talkmaster. Schliesslich fliegt auch noch ein gebrauchter Tampon über den Bildschirm: Gelächter.

Genug ist genug

Solch einsame Bier- und Fernsehabende sind für Frank keine Seltenheit. Der leicht pummelige Mitvierziger hat weder eine richtige Familie noch Freunde. Als Frank dann noch seinen Job verliert, folgt schon die nächste Hiobs-Botschaft: In seinem Gehirn sitzt ein orangengrosser Tumor. Resigniert steckt er sich vor der laufenden Glotze eine Pistole in den Mund. Auf dem Bildschirm schickt derweilen eine 16Jährige ihre Eltern verbal zum Teufel, weil ihr diese den falschen Luxuswagen gekauft haben.

Jetzt ist für Frank das Fass voll. Er zieht die Pistole aus seinem Mund und hält sie am nächsten Morgen dem Reality Star Chloe zwischen die Augen. Für seine Bluttat hat Frank nur eine Zeugin: Chloes Klassenkameradin Roxie.

Gleich und gleich schiesst gern zusammen

Mädchen zielt mit Pistole, Mann steht daneben Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Roxie und Frank auf ihrem mörderischen Roadtrip. Studio / Produzent

Roxie lebt in einer spätpubertären Welt, mit Alice Cooper als Heiland. Roxie ist so voller Hass, dass sie jeden Tea-Party-Politiker wie Mutter Theresa aussehen lässt. Sie hasst ihre Generation, die Medien, ihre Eltern, die gesamte Menschheit. Hinter der abgebrühten Fassade steckt aber ein zerbrechliches und unsicheres Mädchen, das nichts mehr will als Anerkennung und Liebe. Mit Frank scheint sie endlich jemanden gefunden zu haben, der sie voll und ganz versteht. Die beiden spannen zusammen und begeben sich auf einen tödlichen Roadtrip durch Amerika.

Chauvinistische Talkmaster, Sektenführer, Hetzer, aufmerksamkeitsgeile Superstars, Falschparker, Im-Kino-Telefonierer: Die Spannweite von Frank und Roxies Opfern reicht von moralischen Wiederholungstätern bis zu kleinen asozialen Fischen. Doch der grösste Coup steht noch bevor: Das Finale von «Americas Superstar», der Schmiede der menschenverachtenden Massenunterhaltung.

Eine Anleitung zur Selbstreflexion

In «God bless America» wird nicht nur viel geschossen, es wird vor allem geredet. Die Gedankenansätze und Meinungen, die vorgetragen werden, sind oft hochphilosophisch und von immenser gesellschaftskritischer Tiefe. Von «God bless Amerika» kann der Zuschauer viel über sein eigenes Medienkonsumverhalten lernen.

Was Regisseur Bobcat Goldwaith hier geschaffen hat, ist ein Film mit immensem Kultpotential, nicht zuletzt auch wegen der Filmmusik: Alice Cooper, The Kinks, Black Rebel Motorcycle Club. In manchen Szenen passen Handlung und Soundtrack so gut zueinander, dass der Film zu einem rockigen Musikvideo wird.

«God bless America» ist eine mutige, direkte Medienkritik. Franks radikales Vorgehen ist weder eine Anleitung zum Amoklauf noch rechtfertig oder beschönigt dieser Film ein solches Vorgehen. Zu keinem Zeitpunkt werden Franks Taten als gerechtfertigt manifestiert. Dass der Zuschauer dennoch schnell Sympathie für den ballernden «Loser» aufbaut, ist höchstens für den Zuschauer bedenklich, nicht aber für den Film.

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