«Gravity»: eine beeindruckende One-Woman-Show

Alfonso Cuarón betreibt in seinem neuen Film trotz 3D-Optik keine Effekthascherei. Stattdessen greift er reale Alltagsprobleme der Astronauten auf. Sandra Bullock überzeugt dabei wie noch nie zuvor, George Clooney ist nur ihr Sidekick: Nach 15 Filmminuten verschwindet er in den Weiten des Alls.

Wie bringt man einen ambitionierten Arthouse-Science-Fiction, der lieber Einsamkeitsstudie als Action-Blockbuster sein will, ins Gespräch? Indem man der Klatschpresse den richtigen Köder vor die Nase wirft.

So geschehen im Frühling dieses Jahres. Sandra Bullock scherzte in einem TV-Interview – wohl nicht ganz ohne Hintergedanken – über den Inhalt von «Gravity»: «Oh mein Gott, es gibt so viel Space-Sex in diesem Film. Wegen der Schwerelosigkeit geht alles viel langsamer als sonst. Eine Liebesszene dauert 45 Minuten – vielleicht wird das Publikum darum ab und zu mal wegnicken. Aber der Höhepunkt ist dafür phantastisch!»

Kein Sex, kein Kuss, kein Kuscheln

«Gravity» – der Trailer

2:23 min, vom 1.10.2013

Die Medien nahmen diese falsche Fährte willig auf und begannen, sich Sandra Bullock und George Clooney als neues Kino-Traumpaar auszumalen. Die unverbesserlichen Romantiker, die den ironischen Unterton von Bullocks Worten ignorierten, wissen spätestens seit der Premiere auf dem Filmfestival von Venedig vor einem Monat um die eiskalte Leinwand-Realität: Kein Sex, kein Kuss, kein Kuscheln – Clooney und Bullock sind in «Gravity» bloss Arbeitskollegen.

Und das nicht einmal lange. Denn bereits nach 15 Filmminuten verliert Weltraum-Novizin Bullock (als Dr. Ryan Stone) ihren Mentor Clooney (alias Matt Kowalski) in den unendlichen Weiten des Alls. Die restlichen 75 Minuten schwebt sie allein durch den dreidimensionalen Kino-Weltraum.

Bullock – so stark wie nie zuvor

Dem Film schadet Clooneys Absenz allerdings nichts. Im Gegenteil: Als Zuschauer ist man gefesselt von der Willenskraft, mit der Sandra Bullock als einsamer menschlicher Flugkörper ums Überleben kämpft. So stark wie in «Gravity» war die mittlerweile 49-Jährige noch nie. Und das will durchaus etwas heissen, schliesslich hat sie für ihre Performance als resolute Mama mit Football-Knowhow im Drama «The Blind Side» 2010 den Oscar gewonnen.

Trotz dieser Auszeichnung als beste Hauptdarstellerin verbindet das Mainstream-Publikum den Namen Bullock noch immer eher mit temporeichen Action-Knallern wie «Speed» und leicht verdaulichen Komödien wie «Miss Congeniality» als mit hoher Schauspielkunst. Für die meisten Zuschauer ist sie bloss die sportliche Ulknudel vom Dienst. «Gravity» hat das Potential, Sandra Bullock aus dieser Rollen-Schublade zu befreien.

Schwebender Weltraummüll als Bedrohung

Sollte dies geschehen, wäre es vor allem Alfonso Cuaróns Verdienst. Der mexikanische Regisseur betreibt trotz spektakulärer 3D-Optik nie Effekthascherei. Stattdessen lässt er das Publikum an der unheimlichen Leere teilhaben, die Bullocks Charakter physisch und psychisch umgibt. Die Handlung basiert nicht auf phantastischen Gegenwelten, sondern realen Problemen im Astronauten-Alltag. In «Gravity» wird im Orbit schwebender Weltraummüll zur Bedrohung, nicht irgendein schiesswütiger Alien. Deshalb grenzt Cuarón seinen bildgewaltigen Film vom Genre Science-Fiction ab und nennt ihn einen «Science-Fact».

Ob Bullocks Überlebenskampf in der Schwerelosigkeit wirklich realistisch ist, wird freilich kaum einen Kinogänger interessieren. Das Publikum will in eine Welt eintauchen, die innerhalb des gezeigten Filmkosmos echt wirkt. Und das tut sie. Dank der von Action-Ballast weitgehend befreiten Dramaturgie fühlt man sich als Zuschauer nach zwei Stunden fast so, als ob man nicht im Kino, sondern im Weltraum gewesen wäre.

Dass Hollywood-Star George Clooney dabei nur kurz am Horizont zu sehen war wie eine schnell verglühende Sternschnuppe, dürfte nach 90 eindringlichen Minuten den meisten ziemlich schnuppe sein.

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