«Henry, Portrait of a Serial Killer» – die Banalität des Bösen

Drei Jahre lang verstaubte John McNaughtons («Wild Things») verstörender Debüt-Film aufgrund eines X-Ratings in den Regalen. Solange, bis Filmemacher Errol Morris ihn 1989 entdeckte und Kritiker Roger Ebert ihn lobte. Der Film entfachte eine Debatte über Gewaltdarstellung, die bis heute nachwirkt.

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«Henry, Portrait of a Serial Killer» – der Trailer

1:58 min, vom 21.10.2013

«Henry: Portrait of a Serial Killer» wurde im Winter 1985/86 in Chicago gedreht. Der Film wäre längst in Vergessenheit geraten, hätte nicht Filmkritik-Papst Roger Ebert 1990 eine Eloge auf den Film geschrieben, den er kurz zuvor am Telluride-Film Festival gesehen hatte.

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DVD-Hinweis

John McNaughton: «Henry, Portrait of a Serial Killer.» DVD Vertrieb: Bildstörung. Mit diversem Bonusmaterial.

Henry (Michael Rooker) tötet. Er wohnt mit Otis (Tom Towles), einem kleinen Dealer, zusammen. Die beiden leben nebeneinander her, ohne dass sie sich viel zu erzählen hätten. Die Situation ändert sich, als Otis' Schwester Becky (Tracy Arnold) in die Männer-WG einzieht. Becky zeigt zusehends Interesse an Henry. Dieser verbringt nun auch mehr Zeit mit Otis und führt ihn ins Handwerk des Serienmords ein.

Meisterwerk in 16mm

John McNaughton, ein ehemaliger Werbefachmann aus Chicago, hat das Drama über den pathologischen Killer gedreht. 125'000 Dollar hatte ihm Waleed Ali, ein Home Video Produzent, für den Dreh zur Verfügung gestellt. Ali rechnete damit, einen «Direct-to-DVD-Teenage-Exploitation»-Film zu erhalten. Er sollte sich täuschen. McNaughton lieferte ein Meisterwerk in 16mm ab, die Lebensabschnittsgeschichte eines Serienmörders, lose inspiriert von der Biografie von Henry Lee Lucas – einem Killer, der 600 Morde gestanden hatte.

«Henry: Portrait of a Serial Killer» ist kein Genrefilm und auch nicht unterhaltsam, nicht der übliche Slasher, der uns mit einem Augenzwinkern und komischen Passagen Luft holen lässt. Hier gibt es keine sympathische Identifikationsfigur, nur einen zynischen Mörder. Der Film spielt in Chicago, in Vierteln, in die man als Tourist nicht geraten möchte. Henrys Arbeiterwohnung ist runtergekommen, versifft. Der Geruch von Armut steigt einem förmlich in die Nase.

Kritik am Voyeurismus

Männ hält blutigen Kopf in den Hänen, der Körper dazu hängt aus der Badewanne. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Gewalt, wenn sie gezeigt wird, ist frontal, unausweichlich und kann nur Abscheu erzeugen. Bildstörung

Die Gewalt, wenn sie gezeigt wird, ist frontal, unausweichlich und kann nur Abscheu erzeugen. Regisseur McNaughton lässt nicht zu, dass der Zuschauer Distanz aufbaut. In einer abstossenden Szene werden eine Frau und ein Mann gequält. Das Bild ist grobkörnig und unruhig, was wir sehen ist ein Abbild von Gewalt. Dann fährt die Kamera zurück und schwenkt auf Henry und Otis, die auf dem Sofa hocken. Und enthüllt, dass wir gerade, gemeinsam mit ihnen, das Video von einem ihrer blutigen Morde angesehen haben. Überhaupt spielen Videos eine zentrale Rolle im Film. Henry und Otis filmen Gewalt und Mord wie andere Urlaub und Kindergeburtstag, das erzeugt eine beängstigende Alltäglichkeit.

Natürlich prangert McNaughton unseren Voyeurismus an, unsere Schwäche für blutrünstige Geschichten, für Folter und Mord, für unseren kranken Trieb, den wir normalerweise nicht ausleben, weil wir abstrahieren können und Fantasie haben. McNaughton lässt das nicht zu, bei ihm will das wohlige morbide Gefühl nicht aufkommen.

Keine Suspence

Suspense? Fehlanzeige. Der Regisseur verzichtet darauf, Angst zu machen und den Zuschauer einzustimmen. Henry mordet – plötzlich, auf eine willkürliche und absurde Art. Viele Morde sehen wir gar nicht, wir sehen nur die Opfer, verstümmelt, ermordet, weggeworfen – aber, wir hören ihre Schreie, ihr Betteln in Todesangst.

Es gibt auch keinen Detective, der versucht, den Mördern auf die Schliche zu kommen. «Henry: Portrait of a Serial Killer» verzichtet auf eine Erklärung für die Morde, verzichtet auf psychologische Rechtfertigung. Selbst als Henry Becky von seinem Kindheitstrauma erzählt – seine Mutter, eine Prostituierte, zwang ihn beim Liebesspiel zuzusehen – klingt das Ganze aus Henrys Mund wie eine groteske Fabel.

Reduktion auf das unbeschreiblich Böse

Als Zuschauer können wir uns an nichts klammern, nichts lenkt uns ab. Wir sind direkt konfrontiert mit dem Horror in seiner düsteren, fauligen Ästhetik. Die Bilder des Todes sind farbentsättigt und körnig, untermalt von einer monotonen hämmernden und deprimierenden synthetischen Musik. In dieser Welt gibt es nur Henry, der unsere Aufmerksamkeit fesselt und uns in seinen dunklen Abgrund zieht. Es ist die Reduktion auf das unbeschreiblich Böse.

Kein Wunder also, dass der Film von Anfang an polarisiert hat. Für die einen ist «Henry: Portrait of a Serial Killer» ein Meisterwerk, für die anderen ein Machwerk, das nie gedreht hätte werden dürfen.

Wie man es auch sieht, die Schauspieler, damals Mitglieder der avantgardistischen Chicagoer «Organic Theater Company», sind unglaublich gut und beängstigend glaubwürdig. Michael Rooker allerdings, der Henry verkörpert, ist seit damals verdammt, den Bösewicht zu spielen: In «Mississippi Burning» spielt er Frank Bailey, in «Cliffhanger» Hal Tucker und in «Sea of Love» den Killer.

In Deutschland war «Henry: Portrait of a Serial Killer» noch bis vor kurzem indiziert. Es ist der Initiative des Labels Bildstörung zu verdanken, dass der Film jetzt endlich vom Index ist. Das ist auch gut so, denn «Henry» ist ein sehenswerter Film.