«Her»: der G-Punkt im Hirn

Ein einsamer Mann verliebt sich in sein neues Computerbetriebssystem. Das ist nachvollziehbar. Schliesslich sind wir im Kino, und der Computer spricht mit der Stimme von Scarlett Johansson. Aber «Her» von Spike Jonze lässt keinen Zweifel zu: Zentrale erogene Zone des Menschen ist das Gehirn.

Video «Keine 3 Minuten: «Her»» abspielen

Keine 3 Minuten: «Her»

2:26 min, vom 27.3.2014

Er hat 2009 Maurice Sendaks «Wilde Kerle» zu grandiosem Leinwandleben erweckt und er hat uns 1999 mit «Being John Malkovich» direkt in den Kopf des Schauspielers geführt. Spike Jonze macht «High Concept Movies» für Gehirnakrobaten.

Zusatzinhalt überspringen

Zur Person

Zur Person

Spike Jonze kann verdammt viel, er passt in keine Schublade – ausser vielleicht in alle. Er schreibt Oscar-taugliche Drehbücher, ist Schauspieler, aber vor allem kennt man ihn als Regisseur. Selbst da ist eine Schublade zu wenig: von Clips über Komödien bis hin zur «tragic comedy» hat er so ziemlich alles inszeniert. mehr

Gleiches Konzept, weniger Spektakel

Hollywoods «High Concept»-Filme sind spektakuläre Versprechen wie «Snakes on a Plane» (Schlangen im Flugzeug) oder «Jurassic Park» (Wissenschaftler klonen Dinosaurier), deren Schlüsselreiz in einem einzigen Satz zu vermitteln ist. Und bei denen das Publikum vor allem gespannt ist, wie glaubwürdig ihm die irre Prämisse verkauft werden wird, beziehungsweise mit welchem Illusions-Spektakel die logischen Löcher in der Geschichte gestopft werden können.

Spike Jonze nutzt das gleiche Konzept minus das Spektakel und minus logische Löcher. Der kleine Junge Jack findet ganz einfach die Insel mit den wilden Kerlen, wir steigen ohne viel Federlesens in den Kopf von John Malkovich, und in «Her» verliebt sich der von Joaquin Phoenix gespielte Berufsbriefschreiber Theodore in sein Computerbetriebssystem Samantha. Jonze interessiert sich dabei allenfalls am Rand dafür, wie das gehen soll, und was die Voraussetzungen dafür sein müssten. Wichtig ist vielmehr, was bei den Vorgängen passiert. Wie sie sich in unsere Welt einfügen.

Mehr als ein Betriebssystem

Theodores urbane Welt wird kurz eingeführt, der Mann schreibt gefühlsbetonte Briefe für seine Kunden bei einem Online-Service. Wenn es sein muss, übernimmt er auch den ganzen Briefwechsel zwischen zwei Menschen – also seine Briefe an sie und ihre an ihn. Das heisst, er ist geübt darin, sich andere Leben auszumalen. Seine eigene Ehe ist gescheitert. Theodore leidet und trauert.

Mann wartend vor einem Computer in New Yorker Wohnung vor Fenster mit Skyline Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Theodores Date sieht so aus: Warten auf die Stimme aus dem Computer. Ascot Elite

Und da passiert ihm Samantha, das neue Betriebssystem, das er sich auf PC und Smartphone installiert hat. Es spricht, wie Apples real existierende «Siri», und es ist dafür geschaffen, auf seine Bedürfnisse einzugehen, ihm zuzuhören und auf seine Wünsche zu reagieren.

Darüber hinaus aber hat Samantha eine sich entwickelnde Persönlichkeit, einen ganz eigenen Humor und eine gut gelaunte Neugier auf alles, was Theodore ihr an neuen Erfahrungen und Erkenntnissen bieten kann, so dass es wohl die Stimme von Scarlett Johansson nicht einmal brauchen würde, um Theodores zunehmende Zuneigung glaubwürdig zu machen.

Menschliche Grenzen

Eine ganze Weile spielt Jonze mit dieser Prämisse, malt den Alltag von Theodore mit Samantha, zeichnet die zunehmende Verliebtheit der beiden bis hin zum ersten (Telefon-) Sex. Er spielt die potentiellen gesellschaftlichen Konflikte durch, die Reaktion der Ex-Frau auf die Erkenntnis, dass Theodores «Neue» rein virtuell ist, und Theodores eigenen Konflikt mit diesem Aspekt.

Aber dann schlägt Spike Jonzes eigentliches Genie durch, der Romantiker hinter der sanften Science Fiction, und die Geschichte wird zum alltäglichen, einzigartigen, wunderbaren und zugleich traurigen Beziehungs-Mobile.

Das Filmplakat von «Her». Es zeigt ein Porträt von Joaquin Phoenix. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das Filmplakat von Spike Jonze's «Her». Ascot Elite

Das wahre Problem von Samantha und Theodore ist nicht seine physische und ihre virtuelle Präsenz sondern ihr unendlich viel grösseres Entwicklungspotential, ihre nie verebbende Neugier, ihr exponentiell wachsendes Wissen, ihre Fähigkeit, überall und nirgends gleichzeitig zu sein und letztlich tausende von Existenzen gleichzeitig zu leben.

Schliesslich sieht Theodore in ihr nicht mehr seine eigene Liebenswürdigkeit gespiegelt, seine Wünsche erhört und sein Potential erkannt, sondern ganz im Gegenteil seine Limitiertheit, seine Grenzen, seine menschliche Beschränktheit.

Ein seltenes Liebes-Spiel

Und damit ist die Beziehung von Theodore und Samantha nicht mehr High-Concept Mensch-Computer sondern letztlich Mensch-Mensch in extremis. Das macht «Her» zu einem wirklichen Erlebnis, zu einem aussergewöhnlich romantisch-melancholischen Film und zu einem Liebes-Spiel wie es das im Kino nur selten gibt.

Das letzte vergleichbare Beispiel war wohl Michel Gondrys «Eternal Sunshine of the Spotless Mind», jene hinreissende Geschichte um das Paar, das seinen Liebesschmerz zu bewältigen suchte, indem es die gegenseitigen Erinnerungen löschte. Gondrys Ko-Autor war damals vor ziemlich genau zehn Jahren Charlie Kaufman, der Drehbuchautor von Spike Jonze «Being John Malkovich».

Und auch Michel Gondry wirkt irgendwie präsent in «Her», vor allem in der Anmutung der liebevoll retro-futuristischen Ausstattung und dem grossartig rot betonten Farbkonzept: «Her» ist nicht nur ein grossartiger «Overload» für Kopf und Herz, sondern auch ein Augen- und Ohrenschmaus.