Wenn eine Mutter in den Knast kommt, bleibt ihr Kind entweder bei ihr, oder es wird in einer Pflegefamilie oder in einem Heim untergebracht. In keinem Fall eine gute Situation. Kinder inhaftierter Mütter werden indirekt mitbestraft: Sie müssen auf ihre engste Bezugsperson verzichten, werden aus ihrem Umfeld gestossen, kommen unvermeidlich mit dem Justizsystem in Kontakt.
Vier Länder, universelles Leiden
Die schweizerisch-kanadische Regisseurin Léa Pool hat Kinder inhaftierter Mütter in vier Ländern mit der Kamera begleitet: in Nepal, Kanada, Bolivien, und in den USA.
In Nepal und Bolivien zeigt sie, wie Kleinkinder bis zum Schulalter mit ihren Müttern hinter Gittern leben. Wenn es soweit ist, fällt es den Müttern schwer, sie gehen zu lassen. Die meisten wissen jedoch: Nur so hat ihr Nachwuchs eine Chance auf Bildung – und auf ein normales Leben.
Wütend auf die drogenabhängige Mutter
Ein anderes Schicksal, in einem anderen Land: Die 9-jährige Karolyne-Joanny aus Québec ist auf ihre drogenabhängige Mutter wütend. Letztere wurde wiederholt wegen Diebstahls inhaftiert. Karolyne-Joanny schimpft über ihre Mutter, gleichzeitig fehlt sie ihr. Sie träumt davon, mit ihr im Park zu spielen, sobald diese freigelassen wird.
In den USA leidet die 15-jährige Andrea unter der langjährigen Haftstrafe ihrer Mutter: «Als Teenager ohne Mutter aufzuwachsen, ist sehr hart. Es gibt nämlich gewisse Sachen die nur eine Mutter versteht», sagt sie im Film.
Lücken in den Justizsystemen
Die Osborne Association in New York hilft Kindern inhaftierter Eltern und bietet Videokonferenzschaltungen ins Gefängnis. Dadurch kann Andrea ihre Mutter auf der Videowand sehen und mit ihr reden. Das hilft beiden.
Vier Länder mit unterschiedlichen sozialen und rechtlichen Lagen. Die Situation von Kindern inhaftierter Eltern ist jedoch nirgends vollständig gelöst. Der Dokumentarfilm macht auf die Lücken in den Justizsystemen aufmerksam, die oft nicht genügend auf die Kinderrechte ausgerichtet sind.
Unsichtbare Opfer
2005 haben in San Francisco Kinder von Eltern, die im Gefängnis sassen, acht Rechte formuliert. Zwei der wichtigsten: «Ich habe ein Recht auf Unterstützung – während der Haftzeit meiner Eltern» und «Ich habe das Recht mit meinen Eltern zu reden, sie zu sehen und sie zu berühren.»
Léa Pools Film propagiert diese Rechte. Als unsichtbare Opfer leiden die meisten Kinder unter dem Stigma der Kriminalität – auch wenn sie nichts getan haben. «Double Peine» gibt den Kindern eine Stimme. Der starke Film gewährt einen einfühlsamen Blick in ein hoch relevantes Thema, das in der Öffentlichkeit zu oft unbeachtet bleibt.
Kinostart: 13. April 2017
Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur aktuell, 12.4.2017, 16:40 Uhr .