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Eastwoods filmische Richtigstellung des Falls «Richard Jewell»
Aus Tagesschau vom 08.06.2020.
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Im Kino «Richard Jewell»: ein verkannter Held nach Clint Eastwoods Gusto

Clint Eastwoods Ode an das Medienopfer entkräftet Vorurteile: Nicht jedes waffenverrückte Muttersöhnchen ist ein Killer.

Atlanta, während der Olympischen Spiele 1996: Sicherheitsmann Richard Jewell entdeckt einen verdächtigen Rucksack im Centennial Park. Anders als die herbeigerufenen Polizisten erkennt Jewell sofort den Ernst der Lage.

Filmheld Richard Jewell zeigt den Polizisten, wo die Bombe versteckt ist.
Legende: Sicherheitsmann Richard Jewell informiert skeptische Polizisten über die drohende Gefahr. Warner Bros.

«Wir sollten eine Sicherheitszone einrichten», empfiehlt er. Die Cops halten eine so aufwändige Massnahme für übereilt. Ein Ordnungshüter spricht schliesslich aus, was bis zur Explosion die meisten gedacht haben: «Richard, bist du verrückt?»

Gewohnt, nicht ernst genommen zu werden, kontert der übergewichtige Sicherheitsmann: «Glaub mir: Momentan wär’s mir lieber, verrückt zu sein, als falsch zu liegen.» Wenige Minuten später geht die Bombe hoch. Dass relativ wenige Opfer zu beklagen sind, ist Jewells Verdienst.

Wohltäter oder Täter?

Als Lebensretter gefeiert wird Richard Jewell danach trotzdem nur kurz. Weil ihn das FBI und viele Medien zu Unrecht verdächtigen, selbst die Bombe gelegt zu haben.

Der echte Richard Jewell schwört 1997 vor Gericht, die Wahrheit zu sagen.
Legende: «Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit!» Der echte Richard Jewell beteuert seine Unschuld. Reuters / Luc Novovitch

Jewells Persönlichkeitstyp weckt Vorurteile: Sein Umfeld beschreibt den alleinstehenden, weissen Mann als frustriertes Muttersöhnchen. Schlimmer noch: Es nennt den pummeligen Patrioten gar einen Möchtegern-Polizisten, der danach strebt, den Helden zu spielen.

Richard Jewell (Paul Walter Hauser) beim Lügendetektor-Test.
Legende: «Ich bin unschuldig!» Richard Jewell (Paul Walter Hauser) beim Lügendetektor-Test. Warner Bros.

Richard Jewell passt somit perfekt ins FBI-Profil eines Bombenlegers. Aus dem Helden wird in der Presse darum im Nu der Hauptverdächtige. Jewells Ruf ist nachhaltig ruiniert, wie Eastwoods Film prägnant illustriert.

Starker Hauptdarsteller, schwache Nebenfigur

Die Geschichte des vorverurteilten Aussenseiters hätte eigentlich schon vor Jahren verfilmt werden sollen – mit Jonah Hill und Leonardo Di Caprio in den Hauptrollen. Unter Eastwoods Regie dürfen nun die nicht ganz so prominenten Paul Walter Hauser und Sam Rockwell ihr schauspielerisches Können aufblitzen lassen.

Nahaufnahme von Hauptdarsteller Paul Walter Hauser als Richard Jewell.
Legende: Sieht so ein Held aus? «Richard Jewell» konfrontiert das Publikum mit seinen Vorurteilen. Warner Bros.

Der aus «I, Tonya» (2017) und «BlacKkKlansman» (2018) bekannte Hauser blüht in seiner ersten Kinohauptrolle regelrecht auf. Daneben verrichtet Rockwell als dessen Anwalt immerhin solide Arbeit. Einen Shitstorm entfachte dagegen Olivia Wildes Rolle, die auf einer realen Figur basiert: der inzwischen verstorbenen Journalistin Kathy Scruggs.

Die beiden Hauptdarsteller von «Richard Jewell» im Gespräch: Sam Rockwell und Paul Walter Hauser.
Legende: «Wehr dich endlich!» Sam Rockwell spielt Richard Jewells schlagfertigen Anwalt. Warner Bros.

Im Film tauscht Scruggs Sex für Informationen aus. Ein politisch unkorrektes Detail, das zur Schärfung ihres polarisierenden Charakters von Eastwoods Drehbuchautor erfunden wurde. Schade, dass «Richard Jewell» hier unnötig alte Klischees zementiert.

Hoffentlich nicht Eastwoods letzter Streich

Während sich Kathy Scruggs im Grab umdrehen dürfte, hat sich eine andere Frau sicherlich sehr über Eastwoods jüngste Regiearbeit gefreut: Richard Jewells Mutter Bobi, die sich einst erfolglos an den US-Präsidenten gewandt hatte, um den Ruf ihres Sohnes wiederherzustellen.

Clint Eastwood und Bobi Jewell besuchen die L.A.-Premiere von «Richard Jewell».
Legende: Vital, auch im hohen Alter: Clint Eastwood auf der Premiere von «Richard Jewell». Reuters / Mario Anzuoni

Eastwood bezeichnet die späte Rehabilitierung Jewells als persönlichen Antrieb. Sie allein habe ihn dazu motiviert, diesen hochemotionalen Film zu drehen: «Ich wollte, dass die realen Opfer endlich erlöst werden. Indem wir die Wahrheit sagen.»

Für Richard Jewell selbst kommt Eastwoods filmische Richtigstellung leider zu spät. Der tragische Held erlag bereits 2007 einem Herzversagen. Mit Blick auf Eastwoods stattliches Alter bleibt zu hoffen, dass dies nicht der letzte Kino-Streich des mittlerweile 90-Jährigen gewesen ist.

Kinostart: 6.6.2020 (ursprünglich geplant: 19.3.2020)

Sendung: SRF 1, Tagesschau, 8.6.2020, 19.30 Uhr.

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