«Baahubaliiiii!» schallt es vor jeder Filmvorstellung durch die Säle am NIFFF. Jedes Filmfestival hat seine besonderen Rituale, die ein Festival über das blosse Filmschauen hinaus besonders machen.
Nachdem vor 10 Jahren hier am NIFFF das fantastische Action-Heldenepos «Baahubali» gezeigt wurde, wurde dieser Ruf zum akustischen Erkennungszeichen des Filmfestivals.
Ehrengast aus Indien
Der Regisseur von «Baahubali» heisst S.S. Rajamouli. Er ist zurzeit einer der erfolgreichsten Filmemacher Indiens. Ausserhalb des Subkontinents allerdings kennen ihn die wenigsten. Umso erstaunter war er, als ihm ein befreundeter indischer Regisseur vom Schweizer Festival und seinem «Baahubali»-Ruf erzählte.
Er habe gedacht, er werde auf den Arm genommen, erinnert er sich im Gespräch. Jetzt konnte er sich davon selbst überzeugen: Er ist dieses Jahr Ehrengast am Neuchâtel International Fantastic Film Festival.
Ein Land – unzählige regionale Filmindustrien
S.S. Rajamouli macht Tollywood-Kino. Das heisst: Kino in der Telugu-Sprache, aus dem Süden Indiens. Telugu wird von circa 100 Millionen Menschen in den zwei Bundesstaaten Andhra Pradesh und Telangana gesprochen.
Das indische Filmschaffen ist komplex, wie Rajamouli ausführt: Fast jede der vielen Sprachen in Indien habe auch ihre eigene regionale Filmindustrie. Die grösste in Hindi ist Bollywood (das «B» kommt von Bombay, wie Mumbai bis 1995 hiess), daneben gibt es regionale Filmproduktionen in vielen anderen Sprachen.
Die Sprachgrenzen seien lange Zeit auch unüberwindbare Mauern für Kinofilme gewesen – bis 2015 «Bahubali» herauskam, erzählt Rajamouli.
Von «Bahubali» wurde zeitgleich zur originalen Telugu-Version auch eine Hindi-Version lanciert. Und der Film wurde tatsächlich zum Grosserfolg in ganz Indien.
Tollywood: Das grösste Filmstudio der Welt
«Inzwischen sind die Sprachgrenzen keine undurchlässigen Barrieren für Kinofilme mehr», sagt Rajamouli. Insbesondere das Tollywood-Kino mit seinen actiongeladenen, knallbunten Helden-Epen ist zum Erfolgsgaranten geworden. Tollywood-Blockbuster spielen inzwischen mehr Geld ein als die des grösseren Bollywoods. Der Film «RRR» hat allein in Indien fast 100 Millionen Schweizer Franken eingespielt.
Zum Vergleich: In der Schweiz spielen alle Kinofilme eines Jahres zusammengenommen etwa 160 Millionen ein. Und ein weiterer Superlativ: Das Tollywood-Studio in Hyderabad ist das weltweit grösste Filmstudio.
Kein Wunder, dass die Tollywood- oder Telugu-Filme auch ausserhalb Indiens immer bekannter und beliebter werden: 2022 gewann Rajamoulis Film «RRR» einen Oscar für den besten Filmsong «Naatu Naatu»!
Dem NIFFF-Festivalpublikum gefällt das Tollywood-Kino – als zum Festivalstart der actiongeladene «RRR» (ein Film über zwei Helden im Widerstand gegen die britische Kolonialherrschaft) mitten in der Altstadt auf dem Marktplatz unter freiem Himmel gezeigt wurde, wurde der anwesende S.S. Rajamouli selbstverständlich mit einem vielstimmigen «Bahuuuubaliii!» empfangen.