Zum Inhalt springen
Audio
Was macht das NIFFF so speziell?
Aus Kultur-Aktualität vom 08.07.2024. Bild: NIFFF 2024
abspielen. Laufzeit 4 Minuten 23 Sekunden.

Fantasy-Filme in Neuchâtel NIFFF: Wo aus Schmuddelkino Selbstverständlichkeit wurde

Das Neuchâtel International Fantastic Film Festival ist seiner Zeit voraus – seit fast einem Vierteljahrhundert. Heute sehen auch «seriöse» Filmfestivals fantastisches Kino und Genre-Filme als Kunst. Darauf kann das Festival stolz sein – und begeistert auch 2024 mit einem «fantastischen» Programm.

Als im Jahr 2000 ein paar Film-angefressene Studierende in Neuenburg ein Festival für fantastischen Film gründeten, war das ein Akt der Liebe. Denn die Filme, für die diese Pionierinnen und Pioniere brannten, galten in hehren Filmkunstkreisen als Schund und Kommerz.

Eine Person mit langen dunklen Haaren und weissem Kleid sitzt allein in einem gefliesten Raum.
Legende: Darf es etwas Unbehagen sein? Horror-Filme wie «The Ring» von 2002 galten lange als nischig. Heute spricht man dem Genre Kunstwert zu. Dreamworks

Dabei dienten Horror, Fantasy, Science-Fiction und das populäre, hierzulande eher unbekannte asiatische Kino dem kommerziellen Hollywood-Kino immer wieder als Gewürzregal.

Man denke nur an «The Matrix» von 1999, der Kung-Fu und Science-Fiction zu Popkultur-Mainstream machte, oder den japanischen Horror-Hit «Ringu» aus dem Jahr 1998, den Gore Verbinski vier Jahre später als «The Ring» mit Naomi Watts amerikanisierte.

Erst ignoriert, dann geschätzt

Während die Deutschschweizer Medien im Jahr 2000 das neue Festival in Neuchâtel noch übersahen, begrüsste «L’Hebdo» die Initiative: «Viel zu viele Sterbliche tun das fantastische Kino ab als Unterhaltungsmist für debile Popcornfresser.»

Eine Frau in Wollpullover zieht einen Faden durch ihren Nacken.
Legende: Was halten Sie von Kino, das unter die Haut geht? Eine etwas andere Depressionsbehandlung in «Des Teufels Bad». Der Mystery-Horror feierte Premiere an der Berlinale und läuft am NIFFF 2024. Ulrich Seidl Filmproduktion

Drei Jahre später merkte auch die Deutschschweiz auf: Da bewegt sich was in der Romandie. In der Berner Zeitung zitierte der heutige SRF-Kollege Benedikt Eppenberger den «Twin Peaks»-Schöpfer David Lynch: «Filmemachen muss unter die Oberfläche gehen, sonst macht es keinen Spass.»

Eine herausragende Eigenschaft des fantastischen Films sei es, dass er unter der Oberfläche wegtauche, und dahinter die bizarrsten Spiegelungen sichtbar mache.

Ein Mann mit schwarzer Haube, Oberteil mit Puff-Ärmeln und einer überdimensionalen Fliege grinst breit.
Legende: Wie wäre es mit etwas fantastisch Überzeichnetem? In der «Star Wars»-Parodie «L’Empire» von Bruno Dumont schlägt das Imperium nicht unbedingt zurück, sondern vielmehr über die Stränge. Tessalit Productions

Und die Zeitschrift «Annabelle» meinte: «Die meisten Streifen, die am dritten internationalen Festival des fantastischen Films gezeigt werden, sind zu schräg, als dass sie je im Kino gezeigt würden. Doch gerade das macht das NIFFF in Neuenburg für Liebhaberinnen von Grusel- und Alienfilmen zum einzigartigen, weil einmaligen Genuss.»

Das Genre ist rehabilitiert

Abgesehen vom herabwürdigenden «Streifen» als Synonym für Film hatte die «Annabelle» damals Recht: Was am NIFFF gezeigt wurde, fand kaum den Weg in die Schweizer Kinos. Und «seriöse» Festivals wie die Berlinale hatten dafür höchstens eine Mitternachtsschiene.

Heute ist das anders: Drei der heuer am NIFFF gezeigten Filme kommen unmittelbar ins Deutschschweizer Kino. «Immaculate» – der Nonnen-Horror mit Shooting-Star Sidney Sweeney, «Handling the Undead» – ein ungewöhnlicher nordischer Zombiefilm, der mehr die Trauer betont als den Schrecken, und «MaXXXine» – der Abschlussfilm der US-Trilogie um ein mörderisches Porno-Sternchen, das den Sprung zum Hollywoodstar geschafft hat.

Ein Mann mit Blut im Gesicht.
Legende: Sie haben noch nicht genug? In Ti Wests in gruselig-wahnhaftem «MaXXXine» kommt auch Kevin Bacon nicht ganz unbefleckt davon. Universal Pictures International Switzerland

Andere Filme im diesjährigen Wettbewerb des NIFFF haben ihre Karriere gar an den «grossen» Festivals begonnen, etwa «Des Teufels Bad» von Veronika Franz und Severin Fiala, oder «L’Empire» von Bruno Dumont an der Berlinale im Februar. Auch die kommen im Verlauf des Jahres ins Kino.

Pionierarbeit: seit fast 25 Jahren

Hat das NIFFF damit seine Pionierfunktion verloren? Im Gegenteil. Die Gründerinnen waren ihrer Zeit schlicht voraus. Heute sind Genre-Filme und fantastische Geschichten ganz selbstverständlich Teil der Filmkunst.

Vor allem aber ist das NIFFF ein Festival mit einem enthusiastischen, begeisterten Publikum. Und genau das lockt auch immer wieder überraschende Gäste nach Neuenburg.

Veranstaltungshinweis

Box aufklappen Box zuklappen

Das Neuchâtel International Fantastic Film Festival findet vom 5. bis 13. Juli 2024 statt.

Dass das NIFFF weiterhin ein paar Schritte voraus ist, zeigt es abseits der Leinwand, in «NIFFF-Invasion» – Intervention im öffentlichen Raum – oder mit den hochkarätig besetzten Workshops zu «Digital Creation», an den Schnittstellen zur bildenden Kunst.

Die Kultur-Highlights der Woche im Newsletter

Box aufklappen Box zuklappen

Entdecken Sie Inspirationen, Geschichten und Trouvaillen aus der Welt der Kultur: jeden Sonntag, direkt in Ihr Postfach. Newsletter jetzt abonnieren.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 8.7.2024, 17:10 Uhr.

Meistgelesene Artikel