«Inherent Vice»: Kiffer-Kult oder Katastrophen-Kino?

Für «Inherent Vice» braucht man entweder Ausdauer oder ein Faible für Selbstironie. Statt eine Geschichten zu erzählen, will Regisseur Paul Thomas Anderson den Zuschauer spüren lassen, wie sich eine abgedrehte Hippie-Welt anfühlt. Der nächste Kiffer-Kult-Film oder nur viel Rauch um nichts?

Video «Keine 3 Minuten: «Inherent Vice»» abspielen

Keine 3 Minuten: «Inherent Vice»

1:52 min, vom 11.2.2015

Grodita Beach, ein fiktiver Hippie-Ort bei Los Angeles in den 1970er-Jahren. Mittendrin der entspannte Privatdetektiv Doc Sportello (Joaquin Phoenix). Seine Tage verbringt er am liebsten mit Joints, Pizzas und unaufregenden Ermittlungen. Doch es wird ungemütlich, als seine Ex-Freundin ihn aus dem Kiffer-Schläfchen holt und in einen komplexen Kriminalfall verwickelt. Ihr neuer Lover soll von dessen Frau und deren Liebhaber entführt werden und sie der Lockvogel sein. Doc soll das verhindern. Das klingt absurd, ist es auch. Kurz nach Beginn der Ermittlungen sind seine Ex und ihr Lover verschwunden. Doc gerät in weitere abstruse Verwicklungen. Schliesslich scheinen alle irgendwie involviert zu sein: die Polizei, das FBI, Drogenschmuggler und sogar ein Zahnarzt. Die Lage wird unübersichtlich. Auch für den Zuschauer. Regisseur Paul Thomas Anderson («There Will Be Blood», «Boogie Nights») hatte nicht vor, eine klare Geschichte aufzutischen. Der Zuschauer soll spüren, wie es sich anfühlt, in einer abgedrehten Hippie-Welt der 70er-Jahre zu leben.

    • Die Schauspieler Joaquin Phoenix und Benicio Del Toro Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Doc (Joaquin Phoenix) und sein verschrobener Anwalt (Benicio del Toro). Warner Bros.

      Einer von vielen schrägen Dialogen

      Doc gerät unter Mordverdacht und sitzt bei Hippie-Verächter Lieutenant «Bigfoot» Bjornsen (Josh Brolin) auf dem Revier. Sein verschrobener Anwalt (Benicio Del Toro) versucht die Angelegenheit auf seine Art zu regeln. «Angesichts der Liste Ihrer Schikanen gegenüber meines Mandantenwürde das nie vor Gericht kommen.» «Doch, ich glaube wir würden das hinkriegen, dass es vor Gericht kommt, aber bei unserem Glück, wären die Geschworenen zu 99 Prozent Hippies.» «Und wenn Sie den Gerichtsstand verlegen, zum Beispiel nach Orange County. Da unten sind viel weniger Hippies, wissen Sie.» «Anwalt, für wen arbeitest du?» «Mandanten bezahlen für meine Arbeit Doc, Mandanten bezahlen für meine Arbeit.»

    • Joaquin Phoenix mit Zigarette Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Die Rolle des kiffenden Privatdetektivs Doc ist ihm auf den Leib geschrieben: Joaquin Phoenix. Warner Bros.

      Der Schauspieler

      Als Schauspieler ist Joaquin Phoenix so wandelbar wie die Mode. Vom rachsüchtigen, sandalen-tragenden römischen Herrscher in «Gladiator» bis zum Nerd im pinken Shirt, der sich in eine Computerstimme verliebt, in «Her». Auf dem Laufsteg der Filmbühne trägt er jede Rolle so vor, als ob sie ihm auf dem Leib geschrieben wäre. Auch den Hippie-Detektiv Doc mit Backenbart und stetem Schlafzimmer-Blick nimmt man ihm sofort ab.

    • Reese Witherspoon und Joaquin Phoenix auf der Bank Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: «Inherent Vice» hat ein grosses Staraufgebot. Mit dabei ist auch Reese Witherspoon. Warner Bros.

      Fakten, die man wissen sollte

      «Inherent Vice» basiert auf dem gleichnamigen Roman von Thomas Pynchon. Der amerikanische Schriftsteller ist bekannt für seinen eigenen, unkonventionellen Stil. Statt einem logischen Erzählstrang baut er ein Netzwerk aus vielen unterschiedlichen Geschichten und Figuren auf. Wer Pynchons Bücher kennt, weiss, dass man bei seinen Geschichten schnell den Überblick verliert. Regisseur Paul Thomas Anderson hat sich das zu Herzen genommen. Deshalb ist «Inherent Vice» kaum mainstreamtauglich.

    • Das Abendmal Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Nervig, aber doch faszinierend: «Inherent Vice». Warner Bros.

      Das Urteil

      «Inherent Vice» gehört zu der Sorte von Filmen, die einen faszinieren oder fürchterlich nerven. Doch wer sich damit abfinden kann, die Handlung nicht wirklich zu verstehen, kann relaxen und die Stimmung des Filmes auf sich wirken lassen. Und diese ist nicht zu unterschätzen. Eindrückliche Bildkompositionen, unterlegt mit lässiger Musik der 1970er-Jahre. Sogar das Kostüm-Design ist oscarnominiert. Was den Film besonders unterhaltsam macht, sind die sinnfreien, aber coolen Dialoge. Vorgetragen von einer Besetzung, die sich zeigen lassen kann. Neben Joaquin Phoenix sind da Josh Brolin, Benicio Del Toro, Owen Wilson, Reese Witherspoon und viele mehr. Freunde von Filmen wie «The Big Lebowski» oder «Fear and Loathing in Las Vegas» werden bei «Inherent Vice» auf ihre Kosten kommen. Der Film ist wie die Wirkung eines Joints – man lacht über Sinnloses. Das macht Sinn.