Kajal und Synthesizer: So werden Schulbuben zu 80er-Popstars

Der Film «Sing Street» ist der Soundtrack einer 80er-Jahre-Jugend in Irland. Eine Zeit, in der die Wirtschaft am Boden ist. Der 14-jährige Conor gründet die Band «Sing Street», die für ihn zum Lebensinhalt wird. Ein Selbstfindungstrip zwischen Rezession und Synthie-Pop, der gute Laune macht.

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Filmstart diese Woche: «Sing Street»

«Willst du in meinem Musikvideo mitmachen?» Mit diesem Satz stellt der 14-jährige Conor sein Leben komplett auf den Kopf. Eigentlich wollte er damit nur sein Traumgirl beeindrucken. Doch dann sagt sie zu. Jetzt muss er eine Band gründen und richtig Gitarre spielen lernen.

Conor lebt im Dublin der 1980er-Jahre. Ein politisch wie wirtschaftlich brisantes Jahrzehnt für Irland. Wer was erreichen will, flieht ins Ausland oder zum englischen Nachbarn. Unter den tristen Lebensumständen ist die Gründung einer Band eine willkommene Ablenkung für Conor und seine Schulkameraden.

Die Band mit dem Namen «Sing Street» entwickelt sich für die Jungs zum Stil- und Selbstfindungstrip. Conor nennt sich mittlerweile Cosmo und sein dauerbekiffter Bruder wird zu seinem musikalischer Mentor.

Statt Hausaufgaben zu machen, paukt Conor für die Schule des Rock ’n' Roll. Die Angebetete Raphina ist im Kopf schon längst auf der grossen Nachbarinsel, um in London ihren Traum von einer Modelkarriere zu verwirklichen.

Die beiden leben nach dem selbstdefinierten Motto «Happy-Sad», dem Ausdruck ihrer Selbstverwirklichung in Zeiten von Arbeits- und Perspektivlosigkeit.

    • 1.
      Das stärkste Zitat
      Zwei Jungs am Esstisch Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Bromance: Conor (Ferdia Walsh-Peelo) und sein Bruder (Jack Reynor). Der Regisseur widmet den Film seinem Bruder. Ascot Elite

      Conor wird von seinem Bruder gefragt, welche Musik lief, als Raphinas Lover mit ihr im Auto davongedüst ist.

      «Was hat er gehört?»

      «Genesis.»

      «Er wird kein Problem sein. Keine Frau kann ernsthaft einen Mann lieben, der Phil Collins hört.»

    • 2.
      Der Regisseur
      Regisseur und Schauspieler Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Regisseur John Carney, ganz rechts, mit den «Sing Street»-Schauspielern. Keystone

      Mit Musik Geschichten erzählen, das ist John Carneys Markenzeichen. In den frühen 90er-Jahren spielte er als Bassist in der irischen Rockband «The Frames». Deren Sound visualisierte der Ire in Videoclips.

      Erst schrieb er Liedtexte, dann Drehbücher – der filmische Durchbruch gelang ihm mit dem Low-Budget-Musikfilm «Once», der 2008 den Oscar für den besten Song abräumte. Nach diesem Erfolg konnte der 44-Jährige namhafte Stars wie Keira Knightley für weitere Musikfilme wie «Can a Song Save Your Life?» anheuern.

      Oft, wie auch in «Sing Street», ist die Musik eine wichtige Kommunikationsform zwischen den Figuren, um unausgesprochene Gefühle zu vermitteln. «Sing Street» basiert auf Carneys Jugend im Dublin der 80er-Jahre.

    • 3.
      Fakten, die man wissen sollte
      Schülerband im Wohnzimmer Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Die Wohnzimmer-Band mit Hit-Potential. Ascot Elite

      In einem Interview sagte Regisseur John Carney, dass es in seiner Tragikomödie nicht um eine Cover-Band gehen sollte und erst recht nicht um eine schlechte Schulband.

      Seine Film-Jungs sollten mit ihrer eigenen Musik richtig rocken. Deshalb schrieb Carney zusammen mit Popstar Gary Clark, dem ehemaligen Frontman der 80er-Band «Danny Wilson», die Songs.

      Das Drehbuch gab den Takt vor, musikalisch liessen sie sich von Bands wie «Duran Duran» oder «The Cure» inspirieren. Es entstanden Stücke wie «The Riddle of the Model» (siehe Video) und «Drive It like You Stole It», zwei Songs im Klang der 80er-Jahre mit absolutem Hit-Potential.

    • 4.
      Das Urteil
      Junge und Mädchen laufen Bild in Lightbox öffnen.

      Bildlegende: Conor und Raphina. Selbstverwirklichung zwischen Rezession und Synthie-Pop. Ascot Elite

      «Happy-sad» – Lebensfreude in düsteren Zeiten. Die Kids der irischen Unterschicht machen ihr Ding und sie machen es gut. Vielleicht sogar zu gut.

      In «Sing Street» entwickeln sich die tollpatschigen Amateurmusiker in Windeseile zu Hit-Schreibern. Zum Frühstück eine Idee, am Mittag mit dem Kumpel einspielen und am Abend steht der Hit. Klar, könnte man den Film realitätsfern nennen oder ihm vorwerfen, dass die sozialen Missstände dieser Zeit romantisiert werden.

      Aber in «Sing Street» geht es vor allem um wahrgewordene Teenager-Träume. Eine Identitätsreise voller Euphorie, ohne kitschig oder abgehoben zu wirken. Zwischen Männer-Makeup und Schulterpolstern entsteht eine mitreissende Zeitreise in das musikalische Erbe der 80er-Jahre. Nicht nur Musikbegeisterte werden nach «Sing Street» das Kino definitiv gut gelaunt und beschwingt verlassen.

Kinostart: 08.09.2016