Jim Jarmusch macht keinen Hehl daraus, dass er ein Fan ist: «Ich befrage Iggy Pop über die Stooges, die grösste Rockband aller Zeiten» hört man den Regisseur in der ersten Einstellung des Films.
«Gimme Danger» ist das wohlwollende Porträt einer Band, bei der Provokation Prinzip ist. The Stooges sind laut und verstörend. Und trotzdem ist es ein Leichtes, sie zu mögen.
Dilettanten und Ignoranten
Das liegt in erster Linie an Iggy Pop. Der berühmteste nackte Oberkörper der Rockmusik ist ein sympathischer Kerl.
In «Gimme Danger» sitzt Iggy Pop gelassen auf einem Stuhl und schaut mit viel Understatement auf eine turbulente Karriere zurück. Dilettanten und Ignoranten seien sie gewesen, werden er und seine Kollegen nicht müde zu betonen. Sie hätten kaum ihre Instrumente beherrscht.
Iggy und «The Stooges»
Iggy Pop wurde 1947 als James Osterberg im US-Staat Michigan geboren. 1967 gründete er mit Dave Alexander und den Brüdern Ron und Scott Asheton die Band «The Stooges», später nannten sie sich «Iggy and the Stooges». Zu den bekanntesten Songs zählen «I Wanna Be Your Dog» und «Search and Destroy». |
Jim Jarmusch beginnt seinen Film am Tiefpunkt der Stooges. 1973 waren drei der vier Bandmitglieder heroinabhängig. Stümperhaft hätten sie gespielt in dieser Zeit, sagt Pop. Er selbst konnte sich bei Konzerten kaum auf den Beinen halten.
Die Faszination, die von den Stooges ausgeht, ist zu einem grossen Teil in dieser Kaputtheit begründet. Jarmusch hält sich aber nicht länger als nötig in dieser dunkelsten Phase der Bandgeschichte auf. Er interessiert sich mehr für das Zweite, das die Band ausmacht: den Lärm.
Der Urknall
Iggy Pop beschreibt im Film sein musikalisches Erwachen. Als Viertklässler besuchte er eine Autofabrik. Dort gab es eine gigantische Pressmaschine, die einen Höllenlärm verursachte.
Dieser Megaknall war Pops klangliche Erleuchtung. Nach diesem Höllenlärm strebte er mit seiner Band.
So wurden aus den musikalischen Dilettanten Meister im Erzeugen von Lärm. In der Musik der Stooges fanden Mixer, Staubsauger und Ölfässer Verwendung, Instrumente wurden malträtiert und bearbeitet, um den grösstmöglichen Krach hervorzurufen.
Stilbildend, aber verkaufsschwach
Die Musik, die so entstand, war stilbildend für spätere Punkbands. Erfolgreich war sie beim Erscheinen aber nicht. Die Stooges wurden von ihren Plattenfirmen zweimal fallengelassen, ihre Alben verkauften sich dürftig.
«The Stooges» und der Punk
Mit ihren ersten drei Alben «The Stooges», «Fun House» und «Raw Power» war die Band stilbildend für den Punk. Unter anderen nannten die «Ramones» und «Sex Pistols» sie als wichtigen Einfluss und coverten Songs der Band. Auch ausserhalb des Punks hatten die «Stooges» Einflüsse: Kurt Cobain nannte beispielsweise «Raw Power» sein Lieblingsalbum. |
Entsprechend wechselvoll ist die Bandgeschichte. Musiker wechselten die Instrumente oder wurden selbst ausgetauscht. Neugründungen folgten auf Auflösungen. Auch der Film verzettelt sich gegen Ende etwas im undurchschaubaren Personalwesen der Stooges.
Unbekümmerter Bildermix
Ein weiteres Problem des Filmes ist wohl der mangelnden Popularität der Band in ihren prägenden, frühen Jahren geschuldet: Es scheint kaum gutes Archivmaterial zu geben.
Jarmusch ergänzt deshalb die Archiv- und Interview-Sequenzen mit Szenen aus Spiel- und Dokumentarfilmen, die mit den Stooges nicht direkt zu tun haben, aber den Zeitgeist spiegeln sollen.
Mit diesen Bildcollagen schlägt der Film einen unbekümmerten und ulkigen Ton an. Das gibt dem Film Schwung und passt zu Iggy Pops unverblümt heiteren Erzählungen.
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Iggy Pop ist das Ass in Jim Jarmuschs Ärmel. Der Sänger erzählt seine Anekdoten mit entwaffnender Selbstironie. Altersmilde und -weisheit stehen ihm gut. Der in sich ruhende Iggy von heute kontrastiert wohltuend mit der Rampensau, die sich auf der Bühne zum Affen macht.
Hört man die prägnanten und klaren Worte dieses Mannes, der auch mit 70 noch über die Bühnen zappelt, dann merkt man: Iggy Pop hat sich in seinem Leben oft verrenkt. Aber verbogen hat er sich nicht.
Kinostart: 27.4.2017
Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur aktuell, 26.4.2017, 16.50 Uhr.