Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Kinostart von «The Bride!» Die «Frankenstein»-Story spiegelt die Ängste der Gesellschaft

Ein Monster als Projektionsfläche: Mary Shelleys «Frankenstein» wird stets neu interpretiert – aktuell in der Verfilmung «The Bride!».

1816, im sogenannten «Jahr ohne Sommer», verbringt die 18-jährige Mary Godwin mit ihrem Geliebten Percy Shelley und anderen britischen Literaten einige Wochen in einer Villa am Genfersee. Das Wetter ist miserabel: Nach einem Vulkanausbruch in Indonesien verdunkelt sich der Himmel, es regnet oft.

Wer schreibt die beste Gruselgeschichte?

«Die Gesellschaft litt unter Hungersnöten, und auch in der Schweiz herrschte eine gewisse Endzeitstimmung», sagt Barbara Straumann, Professorin für Englische Literaturwissenschaft. «Die jungen Leute vertrieben sich die Zeit mit Schauergeschichten. Schliesslich riefen sie einen Wettbewerb aus: Wer die beste Gruselgeschichte schreibt!»

Zu dieser Zeit hat Mary einen unheimlichen Traum: Sie träumt, wie ein «blasser Student unheiliger Künste» Leichenteile zusammensetzt und mit Hilfe eines Apparats eine Kreatur zum Leben erweckt.

Zwei Jahre später hat Mary, die inzwischen Shelley heisst, ihren Traum zu Papier gebracht und veröffentlicht den Roman «Frankenstein: or, The Modern Prometheus» – allerdings anonym. «Die Gesellschaft war ob dem Inhalt entsetzt», so Straumann. «Dass dieser von einer Frau stammen könnte, wagte man gar nicht erst zu denken.»

Leben ohne weibliche Beteiligung

Erst Jahre später wird erkannt, dass Mary Shelleys Roman mehr ist als eine Schauergeschichte. Das Buch stellt grundlegende Fragen zu Wissenschaft, Verantwortung, Ausgrenzung und Liebe.

Der Roman übt auch Kritik an der Rolle der Frau: «Das Mütterliche wird bewusst ausgeschlossen», erklärt Straumann. «Frankenstein erschafft Leben ohne weibliche Beteiligung. Der Wissenschaftler eignet sich gewissermassen die Rolle der Mutter an.» Shelley würde das romantische Genie – männlich, schöpferisch, grenzenlos ehrgeizig – kritisieren, so Straumann. «Ihr Roman zeigt einen Menschen, der sich göttliche Kräfte anmasst, ohne die Folgen zu bedenken.»

Hollywood entdeckt den Stoff

Während im Roman noch beinahe zärtlich von einer «Kreatur» die Rede ist, macht Hollywood 1931 daraus ein Monster, das zur Ikone werden sollte: eine Figur mit Bolzen im Hals, das an die kriegsversehrten Veteranen erinnert, die damals oft am Rande der Gesellschaft leben. Seine grobe Kluft wiederum verweist auf die Arbeitslosen der Weltwirtschaftskrise.

In fast jeder Verfilmung von «Frankenstein» wird das Monster zur Projektionsfläche gesellschaftlicher Ängste, was ihm stets wieder neue Aktualität verleiht. Etwa als ein von künstlicher Intelligenz erschaffenes Wesen im Film «Ex Machina» (2015). Als Frau, die sich ihrer gesellschaftlichen Rolle widersetzt wie in «Poor Things» (2023). Oder als empfindsamer Mann in einer von toxischer Männlichkeit geprägten Welt in Guillermo del Toros «Frankenstein» (2025), der aktuell für neun Oscars nominiert ist.

«The Bride!» tritt aus dem Schatten des Monsters

Jede Epoche scheint aus Mary Shelleys Zeilen das zu lesen, was die Gesellschaft gerade beschäftigt. Da macht auch die neuste Verfilmung «The Bride!» von Maggie Gyllenhaal keine Ausnahme.

Die Figur der Braut, die im Original nur am Rand vorkommt, tritt ins Zentrum der Geschichte. Besessen von der Frankenstein-Autorin höchstpersönlich löst sie sich aus dem Schatten des Monsters und lehnt sich gegen Gewalt und patriarchale Strukturen auf.

Gut möglich, dass diese Interpretation Mary Shelley ganz gut gefallen hätte.

Kinostart: 5. März 2026.

SRF 1, 10vor10, 05.02.2026, 21:50 Uhr

Meistgelesene Artikel