Kurz, aber oho: Hochkarätige Kurzfilme

SRF zwei präsentierte zum zweiten Mal «Die lange Nacht der kurzen Filme». 20 internationale und Schweizer Kurzfilme eröffnen mit visuellen Höhenflügen heitere, packende und herzerwärmende Welten.

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«The Voorman Problem»

12 min, vom 6.12.2014

Der Kurzfilm, er hat's nicht einfach. In wenigen Minuten auf den Punkt zu kommen, das ist eine Kunst. Vielleicht widmet er sich deshalb gerne einem Detail – einem Gegenstand, einem stilistischen Kniff, einem Gesicht und erschafft daraus eine ganze Welt. Auffällig: Im Zentrum steht immer wieder der Mensch. Mit all seinen Fehlern und Fähigkeiten, lebt und liebt und leidet er – und wir mit ihm.

Spagat zwischen Tradition und Moderne

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Die Kurzfilme online ansehen

Alle Filme aus der SRF-Kurzfilmnacht sind online zu sehen – bis 14. Dezember.

Zum Beispiel in «Ein Bild für die Ewigkeit» («La lampe au beurre de yak») des chinesischen Filmemachers Hu Wei. Der Film gewann 2013 an den Kurzfilmtagen Winterthur gleich Publikums- und Jurypreis, lief an der «Semaine de la Critique» in Cannes und ist nun unter den zehn Auserwählten auf der Shortlist für die Oscars 2015.

Hu Weis Idee ist einfach: Der Regisseur stellt tibetanische Nomaden vor verschiedene Hintergründe. Kinder, Alte und Liebespaare stellen sich vor Orte, die sie vermutlich noch nie zu Gesicht bekommen haben: die Chinesische Mauer, Disneyland, der Potala-Palast. Während sich die Leute für das «Fotoshooting» bereitmachen, entspinnen sich in Interaktion mit den Hintergründen verschiedenste Geschichten und Aussagen zur politischen Situation der Nomaden.

Ein Bild für die Ewigkeit

Eine Maschine neben einem Menschen. Es ist Nacht. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Auch gruselig wird die Nacht: «Ghost Train» ist ein visuell meisterhaftes und fesselndes Horrorspektakel. SRF/ RANK OUTSIDER PRODUCTIONS

Moderne trifft auf Tradition. Um diesen Zusammenstoss noch besser zu veranschaulichen, bedient sich Hu Wei formaler Eigenheiten des frühen Kinos. Wie durch einen Guckkasten blickt der Zuschauer in eine fremde Welt. Die Kamera ist starr und die langen Einstellungen lassen genug Zeit, die verschiedenen Tableaus zu erkunden. In den Anfängen des Kinos wurden so exotische Völker, Freaks und Muskelmänner vor der Kamera ausgestellt.

Hu Wei stellt nicht die Menschen, sondern den Film als Film aus, indem er und sein Fotograf die Bilder manipulieren. Sie positionieren die Leute neu, geben ihnen andere Kleider zum Anziehen und fügen Requisiten hinzu. Während dieses In-Szene-Setzens entstehen die kleinen, berührenden Geschichten. «Ein Bild für die Ewigkeit» wirkt nie voyeuristisch. Mit Wohlwollen und feinem Humor gibt der Kurzfilm einen offen verfälschten und somit unverfälschten Einblick in diese fremde Kultur.

Von den tibetischen Höhen in eine enge Gefängniszelle

Zwei Männer sind Rücken an rücken. Der eine trägt eine Brille. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: In «The Voorman Problem» trifft Martin Freeman (l.) als Psychiater auf einen Sträfling, der behauptet Gott zu sein. SRF/ shortsinternational

«The Voorman Problem» geht dieser Frage nach: Wie reagiert ein Psychiater, wenn ein Insasse behauptet, er sei Gott? Doktor Williams, gespielt von Martin Freeman, muss die geistige Gesundheit des rätselhaften Mr Voorman (Tom Hollander) testen. Martin Freeman ist unverkennbar. Man kennt ihn als Mr Nice Guy Tim Canterbury in «The Office», als treuen Dr Watson in «Sherlock» und als unterschätzten Bilbo Baggins. Der britische Schauspieler glänzt hier in seiner etwas steifen, vorsichtigen Rolle.

Der Fall ist komplex, denn Voormans Behauptungen bleiben nicht unbegründet. Nicht nur verehren ihn die Mitinsassen als den Wahrhaftigen, er bringt den Agnostiker Williams ins Zweifeln. Das intelligente Kammerspiel mit den zwei Schauspielgrössen kommt ohne Spezialeffekte aus und generiert eine absurd-komische Spannung auf engstem Raum. Tom Hollander als Verrückter in der Zwangsjacke ist angsteinflössend.

Es menschelt

Auf Gott trifft man nicht so oft. Aber auf Menschen. Menschen in ganz alltäglichen und doch ungewöhnlichen Situationen. Der Kurzfilm «Muss ich denn alles selber machen?» führt die Situation ad absurdum, wenn man mal verschlafen hat. Mutter Sini muss Mann und Kinder schnellstmöglich für eine bevorstehende Hochzeit von Bekannten herausputzen. Eine echte Herausforderung.

Vor einer Herausforderung steht auch Mikko. Er muss Vorsingen. Für Musik hat er aber kein Gehör, nicht mal das banale Weihnachtslied will ihm gelingen. Vielleicht kann er seine Hemmungen ablegen, wenn er «Hinter dem Vorhang» singt. Solche «gewöhnliche» Situationen liefern wunderbaren Filmstoff für ein paar Minuten. Ein paar Minuten, die Menschen zeigen, wie sie leben und leiden und wir mit ihnen mitfühlen. Ein paar Minuten, in denen wir uns mit den Menschen auf der Leinwand verbünden, mit ihnen feiern, lachen und leiden.

Alle 20 Kurzfilme können Sie hier eine Woche lang nachschauen.