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Neu im Kino Die Geschichte der Schweizer Hochseeflotte

Ein Land ohne Meereszugang hat eine Hochseeflotte. Wie ist das möglich? Und was ist ihre Aufgabe? Der Dokumentarfilm «L’île sans rivages» erklärt, wie es zu dieser Besonderheit kam.

Legende: Video «Die Insel ohne Ufer» abspielen. Laufzeit 01:27 Minuten.
Aus Kultur vom 17.05.2018.

Die Welt hat 197 Länder. Von diesen haben 44 keinen Zugang zum Meer. Die Schweiz ist eines davon. Und doch fahren Frachter mit Schweizer Flagge auf den Weltmeeren.

Die Hochseeflotte gibt es seit fast 80 Jahren. Ihre Geschichte erzählt der Dokumentarfilm «L’île sans rivages».

«Wir gingen auf See, aber wir nahmen unsere Berge mit»

«Als junger Mann sah ich die Anzeige in der Schweizer Illustrierten und dachte: Das will ich machen», sagt der über 90-jährige Jaques Voirol im Dokumentarfilm.

Er war einer der ersten Seemänner der Schweiz. Während des Zweiten Weltkriegs fuhr er auf Frachtschiffen über die Weltmeere. Aber warum konnten damals Männer wie Jaques Voirol auf einem Schweizer Schiff anheuern?

Ein alter Mann blickt in die Kamera
Legende: Kapitän Jaques Voirol war einer der ersten Schweizer Seemänner. Close Up Films

Zwischen Bergen von Dokumenten erklärt Historiker und Journalist Pietro Boschetti – einer der Experten in «L’île sans rivages» – weshalb es die Schweiz im Zweiten Weltkrieg für wichtig gehalten hatte, eine Flotte zu haben.

Das Problem für die Schweizer Behörden wären 1940 die Transport- und Versorgungsrouten für Handelswaren aus Übersee gewesen, erklärt Boschetti. Man sah wegen des Krieges die Versorgung mit lebensnotwendigen Gütern gefährdet und hoffte, dass deutsche und alliierte U-Boote die Schiffe der neutralen Schweiz nicht angriffen.

Das erste Schiff wurde 1941 in Dienst gestellt. Vier Jahre später waren es zwölf. Die ersten Schiffe hatten Namen wie «St. Gotthard», «Säntis», «Eiger» und «Chasseral». «Wir gingen auf See, aber wir nahmen unsere Berge mit», sagt Pietro Boschetti.

Für Krisenfälle vorbereitet

Nach Kriegsende wurde die Handelsflotte beibehalten. In den 1950er-Jahren hat der Bund die Schiffe der Flotte an Schweizer Reedereien verkauft, behielt sich aber vor, diese in Krisenfällen benutzen zu können.

Kritik: «L’île sans rivages»

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Für die Schweizerisch-dänische Regisseurin Caroline Cuénod ist die Dokumentation «L’île sans rivages» der erste Langfilm. Die ausgebildete Historikerin und Filmproduzentin zeigt mit ihrem Blick auf die Schweizer Hochseeflotte einen Aspekt der Schweiz, den nicht jeder kennt. Caroline Cuénod schildert die Entstehungsgeschichte, aber auch die aktuellen Finanzprobleme. Die Geschichte der Handelsmarine wird nicht chronologisch erzählt. Der Film springt von der Vergangenheit in die Gegenwart und zurück. Eine Dramaturgie, die funktioniert. Sie nimmt der Dokumentation die Vorhersehbarkeit. Trotzdem ist «L’île sans rivages» teilweise etwas langatmig. Viele der Fakten hätte man kompakter darstellen können. Das sollte einen aber nicht abhalten, sich diese Dokumentation anzuschauen.

Im Gegenzug ging Bern eine Bürgschaftsverpflichtung ein. Sprich: Kommt eine der Reedereien in einen finanziellen Engpass, muss der Bund geradestehen und zahlen.

Bis heute hat sich an der Aufgabe der Hochseeflotte offiziell nichts geändert. Nach wie vor soll sie im Fall einer Krisensituation das Land mit Gütern versorgen. Zurzeit fahren noch 30 Schiffe unter Schweizer Flagge.

Monaco als Schweizer Kanton?

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In der Geschichte der Schweizer Hochseeflotte spielt auch Gottlieb Duttweiler, der Gründer der Migros, eine Rolle. Auf sein Betreiben wurde 1941, während des Zweiten Weltkrieges, die Reederei Martime Suisse gegründet. Er sass im Verwaltungsrat. Die Belange der Hochseeflotte lagen dem Unternehmer am Herzen.

Im Dokumentarfilm «L’île sans rivages» präsentiert der Historiker Pietro Boschetti ein Schriftstück. Demzufolge habe Duttweiler Anfang der 1940er mit Louis II, dem damaligen monegassischen Fürsten, Gespräche darüber geführt, ob es möglich wäre, aus Monaco einen Schweizer Kanton zu machen.

Welchen Sinn hätte ein solcher Zusammenschluss gehabt? Ganz einfach. Damit wäre die Schweiz an einen Hafen am Mittelmeer gekommen.

Die Verhandlungen haben wohl tatsächlich stattgefunden. Ob es wirklich darum ging, die Schweiz und das Fürstentum zusammenzuschliessen, lässt sich (laut der Dokumentation) nicht belegen. Tatsächlich wurde offenbar über einen möglichen Freihafen für die Schweiz gesprochen. Umgesetzt wurde diese Idee nicht.

Über diese Geschichte berichteten bereits 1999 Jocelyn Rochat und Pierre Abramovici in der Wochenzeitschrift «Gottlieb Duttweiler, Monaco und die Nazis».

Seemänner trinken und haben Tattoos?

Einer der heutigen Seemänner ist Alexander Frauenknecht. In «L’île sans rivages» sieht man ihn auf einem Sofa – neben seiner Mutter sitzend und mit einem Foto-Album auf dem Schoss.

Er erzählt von den Reisen auf hoher See, aber auch davon, dass es kaum Nachwuchs gibt. Er kann nicht verstehen, warum sich nicht mehr Schweizer für diese abenteuerliche Arbeit begeistern.

Vielleicht haben die Menschen ein falsches Bild der Seefahrt im Kopf. Selbst Frauenknechts Mutter war erst nicht begeistert vom Karrierewunsch des Sohnes. Sie hatte die typischen Klischees über Seemänner im Kopf. Dass alle Alkoholiker sind, volltätowiert und an jedem Hafen eine andere Braut haben.

«Der Markt ist katastrophal»

Wie lange es die Schweizer Hochseeflotte noch geben wird, weiss keiner so recht. Seit Jahren hat sie finanzielle Schwierigkeiten. Trotzdem werden paradoxerweise noch Schiffe gebaut.

Zwei grosse Frachter sind zu sehen
Legende: Noch heute werden in Vietnam Schiffe gebaut. Close Up Films

«L’île sans rivages» zeigt, wie 2017 der Präsident der Reederei Suisse Atlantique, Eric André, in Nha Trang in Vietnam ein Schiff einweiht. Der neue Frachter soll nach Singapur fahren, wo aber bereits ein anderer auf Aufträge wartet.

«Der Markt ist katastrophal», erklärt Eric André. Aber er gibt sich positiv: «Mit den ständig wechselnden Zyklen des Marktes wird es funktionieren, das Schiff ist schliesslich für 25 Jahre gebaut».

SRG SSR Koproduktion

Die SRG SSR hat diesen Film koproduziert.

Zu viel Optimismus?

Ob der Optimismus angebracht ist? Schaut man sich die Schlagzeilen der vergangenen Monate an, sieht es düster aus: 2017 wurden 13 Schiffe mit Verlust verkauft. Der Bund als Bürge (und damit der Steuerzahler) musste 215 Millionen Franken zahlen.

Ein grosser Frachter fährt auf einen Hafen zu.
Legende: Die Zukunft der Schweizer Hochseeflotte ist unklar. Close Up Films

Schon im Dezember 2016 hiess es in einem Bericht des Wirtschaftsdepartments zur Schweizer Flottenpolitik, dass die Flotte ihre Daseinsberechtigung seit dem Zweiten Weltkrieg verloren habe und keinen entscheidenden Mehrwert zur Versorgung der Schweiz leiste. Der Bundesrat hat entschieden, dass die Bürgschaften 2032 auslaufen.

Kinostart: 6.9.2018