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Neu im Kino «Disobedience»: Jüdisch, orthodox und lesbisch

Frauen, die Frauen lieben: In den jüdisch-orthodoxen Gemeinden ist das verboten. Ein Film thematisiert dieses Tabu.

Legende: Video «Disobedience»: Jüdisch, orthodox und lesbisch abspielen. Laufzeit 01:56 Minuten.
Aus SRF Kultur vom 29.11.2018.

Ein Rabbi hält in einer Synagoge in London eine Predigt über den freien Willen. Noch während seiner Rede bricht er zusammen und stirbt. So beginnt das Drama «Disobedience», das auf dem Roman von Naomi Aldermann basiert und vom chilenischen Regisseur Sebastián Lelio verfilmt wurde.

Frau mit Kamera.
Legende: Rachel Weisz spielt Ronit Krushka, die Tochter eines Rabbis, die in die USA ausgewandert ist und die jüdisch-orthodoxe Gemeinde verlassen hat. Pathé Films AG

Die Tochter des Rabbis heisst Ronit Krushka (Rachel Weisz). Vor Jahren hat sie die streng orthodox-jüdische Familie verlassen und lebt als Fotografin in New York. Für die Beerdigung ihres Vaters kehrt sie nach London zurück.

Hier trifft sie ihre Teenager-Liebe wieder: Esti Kuperman (Rachel McAdams). Die hat mittlerweile einen Mann geheiratet und führt ein strikt religiöses Leben. Das Feuer zwischen den beiden Frauen ist schnell wieder entfacht. Aber Homosexualität kann in der jüdischen Gemeinde nicht ausgelebt werden.

Zwei Frauen, die Nasen berühren sich.
Legende: Homosexualität ist in den jüdisch-orthodoxen Gemeinden verboten. Pathé Films AG

Ihre Liebe bleibt nicht lange geheim. Auf einem Tennisplatz küssen sich die beiden Frauen und werden von einem jüdischen Ehepaar entdeckt. Dieses meldet den Vorfall Estis Chefin. Am nächsten Tag muss Esti vorsprechen.

Hilfe für homosexuelle Paare

Zwei Menschen des gleichen Geschlechts, die sich lieben und auch noch der streng orthodoxen Community angehören. Eine Story, die es nur im Film gibt? Nein: Die Geschichte in «Disobedience» kommt häufiger vor, als man denkt. Deshalb gibt es mittlerweile verschiedene Organisationen, die sich um jüdische Homosexuelle kümmern.

Zwei Frauen küssen sich, sind an eine Mauer angelehnt.
Legende: Homosexualität im Judentum ist nicht nur eine gute Geschichte von Hollywood, sondern auch für Menschen im echten Leben eine Herausforderung. Pathé Films AG

Zum Beispiel die Non-Profit-Organisation Eshel. Sie unterstützt Schwule und Lesben, die wegen ihrer Sexualität aus ihren Familien und Gemeinden ausgestossen worden sind.

Oder die israelische Organisation Bat Kol, was «Tochter der Stimme», aber traditionell auch «Stimme Gottes» heissen kann. Sie hilft religiösen, lesbischen Frauen, ihre Sexualität mit ihrem Glauben zu vereinbaren. Sie unterstützt Frauen, ihre gleichgeschlechtliche Liebe auszuleben und gleichzeitig ihre Kinder jüdisch aufzuziehen.

Frau mit Regenbogenfahne.
Legende: Seit 2002 findet in Jerusalem jedes Jahr die «Gay Pride Parade» statt. Getty Images

Homosexualität ist ein grosses Tabu in orthodoxen und ultra-orthodoxen Milieus, sei es in Israel, in London oder New York. Die Liebe zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren wird traditionell als Verstoss gegen das Gebot der Fruchtbarkeit verstanden. So steht es im Schulchan Aruch, einer Zusammenfassung religiöser Vorschriften des Judentums.

Aber schon in der Tora finden sich Verse gegen männliche Homosexualität, wie etwa: «Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau; es ist ein Gräuel.» (Lev 18,22)

Therapie gegen gleichgeschlechtliche Liebe

Für alle orthodoxen Juden gilt eine Heiratspflicht. Auch von homosexuellen Menschen wird verlangt, dass sie ein heterosexuelles Leben führen. Schwule oder Lesben, die sich beispielsweise beim Rabbi als homosexuell outen, werden oft zu einem Therapeuten geschickt, der im Rahmen der orthodoxen Lehre arbeitet. Dort wird ihnen gesagt, dass ihre Sexualität nicht mit der jüdischen Lebensweise vereinbar sei.

Text auf Hebräisch.
Legende: In der Tora findet man Verse gegen Schwule. Keystone AP Joseph Kaczmarek

Die Folge ist, dass die Menschen ihre Sexualität nicht frei ausleben können. Und wenn doch, werden sie von ihrer Gemeinschaft verstossen, Freunde und Familie brechen den Kontakt ab, und teileweise verlieren sie sogar das Sorgerecht für ihre Kinder.

Sich von Zwängen befreien

«Disobedience» ist ein wichtiger Film, weil er einer Minderheit eine Stimme gibt und ein Tabuthema an die breite Öffentlichkeit bringt. Im Drama spielen sich die gesellschaftlichen Zwänge in der streng orthodoxen Gemeinschaft ab.

Jüdischer Mann steht hinter jüdischer Frau.
Legende: In «Disobedience» spielt Rachel McAdams Esti Kuperman, eine fromme Jüdin, die eine andere Frau liebt. Pathé Films AG

Schlussendlich appelliert «Disobedience» aber für sexuelle Selbstbestimmung – ganz egal welcher Religionsgemeinschaft jemand angehört.

Kinostart: 29.11.2018

2 Kommentare

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  • Kommentar von Ramon Frey (Ramon Frey)
    Ich kann mir die psychischen belastungen der betroffenen personen nur schwer vorstellen, sie müssen schrecklich sein. Andererseits verstehe ich nicht, wieso man sich in solchen fällen nicht von der religion emanzipieren kann und seinem (verblendeten) umfeld den rücken kehrt. Der einzige ausweg aus diesen schicksalen ist bildung und die hoffnung dass durch aufklärung die religiösen eiferer ihre macht verlieren.
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    1. Antwort von Alina Kunz (Milaja)
      Ich bin ganz Ihrer Meinung Ramon Frey. Religiöse Diktatur und sonstige soziale Zwänge sind meines Erachtens unerträglich und es muss ihnen mit voller Stärke und mit Mut entgegengewirkt werden.
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