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Erich Kästner: «Fabian oder der Gang vor die Hunde»
Aus Kontext vom 30.06.2021.
abspielen. Laufzeit 13:35 Minuten.
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Neu im Kino Erich Kästners «Fabian» brilliert auch als Film

Der umtriebige deutsche Regisseur Dominik Graf hat sich Erich Kästner vorgeknöpft: Grafs Film «Fabian oder: Der Gang vor die Hunde» beschwört eindrücklich Unheil herauf.

«Fabian» – das war im Bücherregal der Eltern dieser eine Roman von Erich Kästner, der nicht in Kinderhände gehörte. Das 1931 erschienene Werk war ein schonungsloser Kommentar Kästners zur Epoche zwischen der gescheiterten Weimarer Republik und dem Aufkommen des Nationalsozialismus – mit allem, was diese Zeit in Berlin an Frivolitäten, Amoral und Dekadenz bereithielt.

Legende: Jakob Fabian (Tom Schilling) versucht als Werbetexter über die Runden zu kommen. DCM Film Distribution

Jakob Fabian (Tom Schilling), 32, ist Werbetexter und träumt davon, eines Tages einen grossen Roman zu schreiben. Nachts zieht er durch die Clubs und Bordelle der Wilden Zwanziger – triebgesteuert und angesäuselt. Der Film packt das in eine nervöse, erschlagende Bilderflut, in ein Gewirr aus wollüstigen Stimmen – alles ist schnell geschnitten, hart geschwenkt mit Handkameras.

Eine Romanze als ruhiger Pol

Irgendwann beruhigt sich der Film: Fabian verliebt sich in die angehende Schauspielerin Cornelia (Saskia Rosendahl) – und das ernsthaft. Diese Romanze erhält viel Raum im Film, und sie wirkt erholend in einem Klima, das sonst von viel Druck gezeichnet ist: Radikale kommunistische und nationalsozialistische Ideen kursieren; eine neue politische Ordnung wirft ihren bedrohlichen Schatten voraus.

Legende: Bevor Fabian seine Traumfrau Cornelia kennenlernt, vertreibt er sich die Zeit mit Affären.» DCM Film Distribution

Der Regisseur Dominik Graf nimmt sich drei Stunden Zeit, um Fabians Geschichte zu erzählen, und vor allem auch, um sie sorgfältig einzubetten in ihre Zeit. Natürlich ist da ein besorgter Blick zum äussersten rechten Rand der Politik, der damals im Eiltempo salonfähig wurde.

Neugier statt Moral

Graf greift allfällige Aktualitätsbezüge der Handlung gleich zu Beginn des Films auf: In der ersten Einstellung katapultiert er das Geschehen mit einem visuellen Kniff von der Jetztzeit in die Vergangenheit. Danach bleibt es dem Publikum überlassen, ob es darin Momente der Gegenwart erkennen will.

«Die Geschichte eines Moralisten» untertitelte Kästner die erste Fassung seines Buchs. Dominik Graf relativiert diesen Ansatz: Sein Fabian ist nur bedingt ein Moralist. Er ist vielmehr ein neugieriger Zeitgenosse, der die politischen Umwälzungen um ihn herum aufsaugt, weil er darin den Stoff für seinen ersten grossen Roman wittert.

Beklemmender Spannungsbogen

Auch Dominik Graf verzichtet in seiner Filmfassung gänzlich auf moralisierende Elemente – er erzeugt phasenweise ein beklemmendes Gefühl von drohendem Unheil, aber der Zeigefinger bleibt unten.

Stattdessen ist Graf emotional nah an seinen Figuren dran, er schildert ihre Höhen und Tiefen, ihre Brüche, ihre Unsicherheiten – ohne je nachzulassen.

Legende: Regisseur Dominik Graf inszeniert die Literaturverfilmung erstklassig. IMAGO / Future Image

Graf hat zuvor viele Genrefilme gedreht, was man merkt: Er lässt keine Zeit verstreichen, bei ihm folgt auf jede Einstellung, auf jede Szene dringlich eine nächste. Den Motor mal eine Weile abschalten und pausieren? Nicht mit Graf.

Die Sprache ist intakt

Wofür sich Graf aber Zeit lässt – und es gereicht dem Film gänzlich zum Vorteil: Kästners Sprache. Gleich zwei Erzählstimmen aus dem Off begleiten das Geschehen. Sie erhalten zusammen mit dem Cast vor der Kamera die ganze Pointiertheit, die ganze Poesie, die Erich Kästner scheinbar so mühelos aus seinen Worten zu zimmern wusste.

Viellicht ist Kästner – gerade in seinen Kinderbüchern – ein viel zu einfach lesbarer Autor, als dass die breite Öffentlichkeit seine Sprachgewandtheit, seine Ironie, seine Melancholie und seinen schwarzen Humor wirklich erfasst.

Dass dieser «Fabian»-Film hier Abhilfe schafft, ist nur einer von seinen vielen Verdiensten.

Kinostart: 01. Juli 2021

Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 1.7.2021, 9.03 Uhr

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1 Kommentar

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  • Kommentar von Hanspeter Zaugg  (rägetag)
    Die Verohung der westlichen Welt wäre wohl weniger stark und nicht ständig wachsend .wenn jeder EK lesen würde .Tiefgreifend zugänglich und und unterhaltend jede Zeile von EK istimmer wieder schön zu lesen so erstaunt es auch nicht dass eigentlich jede Vefilmung seiner Werke,von vorgesestern(1931)über gestern (1950-57) bis in die Neuzeit (ab 2001) überzeugt auch die "neue "Fabian Verfilmung wird wohl ihre Zuschauer finden EK Held für immer!