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Neu im Kino «Father Mother Sister Brother»: Ein Jarmusch mit Staraufgebot

Jim Jarmusch präsentiert seinen ersten Film seit sechs Jahren. Ein Film mit grossem Staraufgebot – und inhaltlich noch subtiler, als man es vom Altmeister gewohnt ist. Vom Filmfestival in Cannes gab’s dafür eine Absage, in Venedig den Goldenen Löwen.

Drei unaufgeregte, inhaltlich nicht verbundene Kurzgeschichten über komplizierte Familienverhältnisse – und am Ende hat man das Gefühl: Eigentlich ist gar nichts passiert. Bis einem zwei Tage später doch wieder einzelne Augenblicke in den Sinn kommen. Kurz gesagt: Auch der neue Jim-Jarmusch-Film ist wieder ein typischer Jarmusch-Film geworden.

Doch wer in den Lücken, Pausen und Auslassungen sucht, findet in «Father Mother Sister Brother», Jarmuschs erster Regiearbeit nach einer sechsjährigen Pause, gewohnt Substanzielles.

Ein Vater (Tom Waits) bekommt Besuch von seinen beiden Kindern (Adam Driver und Mayim Bialik), die sich um seinen Gesundheitszustand sorgen. Dann sind wir zu Gast bei einem leicht unangenehmen Kaffeekränzchen zwischen einer Mutter (Charlotte Rampling) und ihren Töchtern (Cate Blanchett und Vicky Krieps). Und dann durchforstet ein Zwillingspaar die Wohnung der verstorbenen Eltern nach Erinnerungen.

Drei Personen bei einer Teegesellschaft in einem Wohnzimmer.
Legende: Zu Besuch bei der Mutter (Charlotte Rampling, links): Geniessen die Schwestern Timothea (Cate Blanchett, MItte) und Lilith (Vicky Krieps) dieses Kaffee-und-Kuchen? Yorick Le Saux/Vague Notion

In allen Episoden wird schnell klar: Diese Figuren kennen ihre Beziehungsmuster seit Jahrzehnten. Ihr Verhalten ist entsprechend geprägt von Enttäuschungen, Ressentiments, aber auch von Liebe, Vertrautheit und einer nicht lösbaren Verbundenheit.

Angereichert ist das – in gewohnter Jarmusch-Manier – mit Dialogen über alles und nichts. Subtil, lakonisch, beiläufig, aber eben immer präzise beobachtet.

US-Independent-Kino in finanziellen Nöten

Die sechs Jahre Pause bis zu «Father Mother Sister Brother» waren keine freiwilligen. Das unabhängige US-Kino ist finanziell nicht auf Rosen gebettet. Auch ein Altmeister wie der inzwischen 72-jährige Jarmusch bekommt das zu spüren – trotz vier Jahrzehnten prägendem Kino und Klassikern wie «Stranger Than Paradise», «Down by Law» oder «Only Lovers Left Alive».

Mann steht vor einem Haus mit Holzveranda.
Legende: Jahrzehntelange Freundschaft, auf und abseits der Leinwand: Natürlich spielt auch Tom Waits wieder im neuen Film von Jim Jarmusch mit. Frederick Elmes/Vague Notion

Bei seiner letzten Regiearbeit, der Zombie-Komödie «The Dead Don’t Die», erhielt Jarmusch während des Drehs Anrufe vom Produzenten wegen Budgetüberschreitungen. Das habe ihn gelähmt, wie er kürzlich «IndieWire» erzählte: «Ich hatte das Gefühl, dass ich mich nicht auf das Filmemachen konzentrieren konnte.»

Besser geworden ist es seither nicht. «Father Mother Sister Brother» beginnt mit einer langen Parade von Produktions- und Förderlogos, und auch im Film selbst ist das zusammengekratzte Budget schwer zu übersehen – etwa bei Autoszenen, deren Greenscreen kaum zu kaschieren ist. Ein visuelles Meisterwerk ist der Film nicht.

Zwei Personen fahren in einem Auto durch eine Stadt.
Legende: Unterwegs im Auto in die Wohnung ihrer verstorbenen Eltern: Sister und Brother in «Father Mother Sister Brother», gespielt von Indya Moore und Luka Sabbat. Yorick Le Saux/Vague Notion

Gern hätte Jarmusch seinen neusten Film wieder in Cannes uraufgeführt, wo er bereits achtmal im Wettbewerb vertreten war. Jarmusch und Cannes, das ist eine Liebesbeziehung, die über vier Jahrzehnte zurückgeht. 2019 durfte er das Festival gar eröffnen.

Die schmerzhafte Absage

Doch Festivalleiter Thierry Frémaux sah dieses Mal keinen Platz im Wettbewerb, bot stattdessen eine ausser Konkurrenz laufende Vorführung an – für Jarmusch keine Option. Zu wichtig ist die Wettbewerbspositionierung für Sichtbarkeit und Verkauf eines Films. Und natürlich spielte auch Stolz eine Rolle.

Jedenfalls klopfte Jarmusch tags darauf bei den Filmfestspielen Venedig an. Die richtige Entscheidung: In Venedig gab’s nicht nur den von Jarmusch gewünschten Slot im Wettbewerb, die Jury rund um Regisseur Alexander Payne zeichnete ihn sogar mit dem Goldenen Löwen aus.

Filmstart: 8. Januar 2025

Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 07.01.2026, 17:10 Uhr

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