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«Il mio corpo» – Die Filmkritik
Aus Kultur-Aktualität vom 17.05.2021.
abspielen. Laufzeit 03:31 Minuten.
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Neu im Kino «Il mio corpo»: Wenn einem der eigene Körper nicht gehört

Die Dokumentar-Film «Il mio corpo» erzählt von Aussenseitern in Sizilien. Der Regisseur hat das Geschehen allerdings fiktionalisiert – aus guten Gründen.

«Il mio corpo» erzählt zwei Geschichten. Da wäre die des minderjährigen Oscar, der mit seinem Vater und seinem älteren Bruder stundenlang in Müllhalden nach Alteisen sucht. Pro Kilo gibt es bei der Deponie ein paar Cent. An einem guten Tag schauen 100 Euro dabei heraus.

«Il mio corpo» erzählt aber auch die Geschichte von Stanley, einem 19-jährigen Migranten aus Nigeria. Er und sein Freund necken sich: Stanley hat eine Aufenthaltsbewilligung – sein Freund nicht. Stanley erledigt schlecht bezahlte Jobs für einen Pfarrer. «Du kannst arbeiten, also bring auch mehr Geld heim», lacht der Freund.

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Der Trailer zu «Il mio corpo»
Aus Kultur Extras vom 17.05.2021.
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Fremdbestimmung

Oscar und Stanley kennen sich nicht, obwohl sie nur wenige Kilometer voneinander entfernt wohnen. Der Dokumentarfilmregisseur Michele Pennetta erzählt die Geschichten parallel. Der rote Faden: Beide Schicksale sind fremdbestimmt. Oscar ist dem Vater ausgeliefert, Stanley dem Staat und der Kirche.

Diese Verknüpfung ergibt einen eindrücklichen Film über Armut und Ausbeutung: «Il mio corpo» erzählt in Doppelform vom Überleben am Rand der sizilianischen Gesellschaft. Pennetta hat das allerdings nicht einfach als neutraler Beobachter eingefangen, sondern hat diese Situationen gemeinsam mit seinen Protagonisten erzählt. Er habe fiktionalisiert, wie er sagt.

Legende: Gestatten, Stanley: Er erledigt schlecht bezahlte Jobs für einen Pfarrer. Sister Distribution

Hybridmodelle

Das Wort «fiktionalisiert» lässt aufhorchen. Einerseits ist es im Trend, cineastische Hybridformen zwischen Dokumentar- und Spielfilm zu entwickeln. Man arbeitet mit Laien, man arbeitet mit Vorgefundenem. Aber man verzichtet nicht darauf, dem Publikum eine klare narrative Struktur anzubieten.

Solche Mischformen sind modern, haben aber ihre Tücken: Dokumentar- und Spielfilme arbeiten mit unterschiedlichen Ansprüchen und Finanzierungsmodellen. Auch die öffentliche Rezeption ist anders. Ein Publikum will wissen, ob etwas wahr ist, gestellt oder erfunden.

Etikettenschwindel

Der deutschen Regisseurin Elke Lehrenkrauss ist dies unlängst zum Verhängnis geworden: Sie hatte mit ihrem Film «Lovemobil» einen Dokumentarfilm über Strassenprostitution versprochen. Die Kritik war heftig, als klar wurde, dass sie keine Enthüllungsarbeit abgeliefert hatte, sondern eine mit Laien besetzte «Scripted Reality».

Michele Pennetta ist mit dem Fall «Lovemobil» nicht vertraut, aber er relativiert: «Man ist immer ein Autor, wenn man einen Dokumentarfilm dreht. Man schreibt ein Treatment, man setzt sich selbst thematische Leitplanken. Es kommt dann eh anders. Aber man muss schon dabei bleiben, dass man von den Wahrheiten vor Ort erzählt.»

Legende: Inszeniert oder nicht? «Il mio corpo» lotet die Grenzen des Dokumentarfilms aus. Sister Distribution

Vertrauen und Ehrlichkeit

Das Wort «fiktionalisiert» verwendet er für seinen Film stolz und mit gutem Grund. Er habe vor der ersten Kameraeinstellung Monate mit diesen Menschen verbracht, ihre Lebensweise und ihre Sorgen studiert. «Wenn das Vertrauen aufgebaut ist, kann man auch Szenen anbieten, die welche die Protagonisten dann auf ihre Weise ausfüllen.»

Sobald man eine Kamera anschalte, gibt Pennetta zu bedenken, wirke sich das immer auf die Situation aus. Kein Filmteam sei unsichtbar. «Man erzählt gemeinsam eine Geschichte, vor und hinter der Kamera», sagt Pennetta. «Daher ist auch die Vorbereitung so wichtig: Man merkt beim Filmen und beim Schneiden dann schnell, ob etwas authentisch ist.»

Selbstbestimmung

Im Fall von «Il mio corpo» ist das Experiment geglückt: Oscar und Stanley wirken natürlich, sie nehmen die eingeschaltete Kamera kaum noch wahr. Dass Pennetta sie nicht nur abfilmt, sondern mit ihnen auch das eine oder andere Experiment wagt, macht den Film umso stärker. Auf diese Weise sind die beiden jungen Männer vor der Kamera weniger fremdbestimmt als im richtigen Leben.  

Sendung: SRF 2 Kultur. Kultur Aktualität, 17.5.2021, 17:10 Uhr

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