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Filmkritik zu «Wicked Little Letters»
Aus Kultur-Aktualität vom 27.03.2024. Bild: Pathé Films AG
abspielen. Laufzeit 3 Minuten 13 Sekunden.

Neu im Kino In «Wicked Little Letters» wird geflucht, was das Zeug hält

Vulgäre Schmähbriefe sorgen in der britischen Filmkomödie für rote Köpfe, doch dem Drehbuch geht zu früh die Puste aus.

Englische Südküste, 1920er-Jahre. Im Briefkasten von Edith Swan (Olivia Colman) landen Briefe mit beleidigendem Inhalt. Die gläubige Christin, die unverheiratet bei ihren Eltern lebt, zeigt sofort mit dem Zeigefinger auf ihre irische Nachbarin Rose (Jessie Buckley).

Diese ist aufgrund ihrer forschen Art zwar stadtbekannt, bestreitet aber vehement, die Absenderin der bösartigen Botschaften zu sein.

Böse Briefe gab es schon immer

Der Film «Wicked Little Letters» beruhe auf einem wahren Skandal, heisst es. Das ist eigentlich egal, denn in den Zeiten vor dem Internet war es vielerorts gang und gäbe, Verunglimpfungen zu Papier zu bringen und sie signiert oder ungezeichnet unter die Leute zu bringen.

Der Drehbuchautor (und Comedian) Jonny Sweet brauchte nur den passenden Vorfall für seine Idee zu finden.

Freude am Fluchen

Diese Idee war ziemlich einfach: Ein postviktorianisches britisches Küstensetting – in dem es traditionellerweise eher züchtig zugeht – mit derben sprachlichen Entgleisungen aufzupeppen. Und dies fast ausschliesslich aus Frauenmund.

Edith und Rose werden sich aufgrund des herrschenden Verdachts zahlreiche Kraftausdrücke an den Kopf werfen – und weitere, nicht auf den Mund gefallene Frauen werden in das Gekeife einstimmen.

Zwei Frauen stehen auf der Strasse und streiten miteinander
Legende: An starken Frauen mangelt es dem Film nicht: Edith Swan (Olivia Colman) und Rose Gooding (Jessie Buckley) geraten aneinander. Pathé Films

Tatsächlich ist diese Form von Humor bis zu einem gewissen Grad ein Selbstläufer. Man schmunzelt, weil die Vulgarität gut in die Handlung verpackt ist und weil das Timing stimmt. Die Darstellerinnen kosten das Potenzial des Unterfangens munter und energisch aus. Und man bleibt an der Geschichte dran, weil ungeklärt ist: Wer steckt hinter den obszönen Briefen?

Zu früh wird klar, wer’s war

Diesbezüglich wagt der Drehbuchautor ein ungewöhnliches Manöver: Er löst das Rätsel der Urheberschaft in der Filmmitte auf. Das tut er, um die Aufmerksamkeit des Publikums frühzeitig von der Suche nach der schuldigen Person wegzubringen.

Aber der Kniff wirkt wie eine Notlösung. Der Plot ist nicht besonders originell, und ihn erst am Schluss aufzulösen – das hätte für eine Enttäuschung gesorgt.

Eine Polizistin im Outfit des frühen 20. Jahrhunderts begutachtet ein Fläschchen mit unerkennbarem Inhalt.
Legende: Auf der Suche nach der Lösung des Rätsels: Polizistin Gladys Moss (Anjana Vasan) soll den Nachbarschaftsstreit aufklären. Bekannt ist Vasan auch durch ihre Rolle in «Black Mirror». Pathé Films

Stattdessen setzt «Wicked Little Letters» in der zweiten Hälfte vermehrt auf Psychologie. Jetzt, wo die Katze aus dem Sack ist, fühlt der Film den Schicksalen und Beweggründen der Figuren auf den Zahn. Und er betont fleissig Bezüge zur Jetztzeit, in der sprachliches Diffamieren in Kommentarspalten und Netzwerken gang und gäbe ist.

Zu wenig Tiefe

Der vergnügliche Schwung der ersten Filmhälfte bleibt dabei allerdings auf der Strecke. Die Spannung ist weg. Obwohl Edith und Rose bis zum Schluss urkomische Figuren sind, die jederzeit in einem kürzeren TV-Sketch funktionieren könnten, sind sie zu wenig tiefgründig angelegt, um in den dramatischeren Momenten bestehen zu können.

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«Wicked Little Letters» und weitere Filmtipps
aus Filmpodcast: Kino im Kopf vom 29.03.2024. Bild: Pathé
abspielen. Laufzeit 23 Minuten 19 Sekunden.

Zur zugänglichsten Figur der Handlung wird vielmehr die Polizistin, die im bizarren Nachbarstreit schlichten soll. Die von Anjana Vasan verkörperte Beamtin wird zwar heftig gemobbt, stemmt ihre undankbare Aufgabe aber mit Weitsicht - und vor allem, ohne ständig verbal unter die Gürtellinie gehen zu müssen. Das macht sie zur wahren Heldin dieses Stücks.

Kinostart am 28.3.2024.

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