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«La vérité»: Lügen und lügen lassen
Aus Kultur Webvideos vom 06.03.2020.
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Neu im Kino «La vérité»: ein lustvolles Spiel mit Deneuve und Binoche

Neues Terrain für den japanischen Star-Regisseur: Hirokazu Kore-eda hat einen französischen Film gedreht.

Fabienne (Catherine Deneuve), eine berühmte französische Schauspielerin, veröffentlicht ihre Memoiren. Zu diesem Anlass kommt ihre Tochter Lumir (Juliette Binoche) samt Ehemann (Ethan Hawke) und kleiner Tochter zu Besuch.

Das Treffen von Mutter und Tochter, die sich lange nicht mehr gesehen haben, ist nicht besonders herzlich. Der Konflikt bricht umso mehr auf, als Lumir das Buch ihrer Mutter gelesen hat. Dass zudem Fabienne ausgerechnet in einem Film mitspielt, der eine Mutter-Tochter-Beziehung ad absurdum führt, verkompliziert alles noch mehr.

Soll man die Wahrheit sagen?

Es ist ein lustvolles Spiel, das Kore-eda in «La verité» aufzieht. Ein leichtfüssiges, stellenweise sogar sehr witziges Spiel, das sich immer um die Frage dreht: Ist es in einer Familie besser, sich immer die grausame Wahrheit zu erzählen – oder ist es besser, zu einer netten Lüge zu greifen?

Oder wie es Kore-eda selber zu diesem Film formuliert hat: «Was macht eine Familie zur Familie? Wahrheit oder Lüge?»

Fragile Verhältnisse

Nicht erst seit Kore-eda mit «Shoplifters» 2018 die Goldene Palme von Cannes gewann, gehört der japanische Regisseur zu den ganz grossen Meistern des Kinos.

Seine Filme sind spätestens seit «Nobody Knows» (2004) auch einem europäischen Publikum bekannt. Darin spielt er in immer anderen Variationen mit den fragilen und doch starken Gefügen von echten Familien und Wahlverwandtschaften.

In «Like Father, Like Son» (2013) treffen zwei Familien aufeinander, deren Söhne als Babys im Krankenhaus vertauscht wurden. In «Air Doll» (2009) hat ein einsamer Mann als einzige Gefährtin eine Gummipuppe, die zum Leben erwacht. In «Shoplifters» fügt sich eine Zweckgemeinschaft am Rande der Gesellschaft zu einer Fast-Familie zusammen.

Verblüffend und befremdlich

Nun also der Sprung über den Gartenzaun, nach Frankreich – mit einer französischen Crew und einem französisch und englischsprechenden Cast. Kore-eda hat sich mit ihnen nie direkt unterhalten können. Alles musste mit Dolmetschern geschehen.

Es ist verblüffend, plötzlich einen Kore-eda-Film im Gewand einer französischen Familienkomödie mit so bekannten und vertrauten Gesichtern wie Deneuve oder Binoche zu sehen.

Das ergibt einen seltsamen Verfremdungseffekt, der von Kore-eda so wohl nicht beabsichtigt war. Er verführt leicht dazu, den Film nach dem ersten Eindruck als Kore-edas Version einer etwas zu oberflächlich geratenen französischen Familienkomödie zu sehen.

Er lässt den Meister durchblicken

Aber der Film wirkt nach. Trotz aller Sprach- und Kulturbarrieren ist diese Meisterschaft des japanischen Filmemachers zu finden, grosse Dinge, Emotionen, Momente mit ganz leichtem Pinselstrich fast nebenbei zu platzieren. Da ein unerwarteter Twist, dort eine ironische Drehung

Selbst Kore-edas Hang zum Sentimentalen, zum Kitsch, den er immer elegant und treffsicher einzusetzen wusste, wird hier in «La vérité» selbstironisch zerpflückt. Mit dem Stilmittel des Films im Film, was eine zusätzliche Ebene der (Selbst-)Reflexion erlaubt, wird er ebenfalls als reine Inszenierung entlarvt.

Typisch Kore-eda und trotzdem neu

Einziger Schwachpunkt des Films ist das Zusammenspiel von Juliette Binoche und Ethan Hawke. Man nimmt ihnen das Ehepaar nicht ab. Hawke, der sonst auch ein Schauspieler der leisen Töne ist, wirkt seltsam grob und laut in diesem Familienreigen.

«La vérité» ist ein verblüffender und auf den zweiten Blick dennoch sehr typischer Film des japanischen Regisseurs Kore-eda. Auch dank den beiden toll aufspielenden französischen Stars Catherine Deneuve und Juliette Binoche ist es ein heiteres und elegantes Werk.

Kinostart: 5.3.2020

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 5.3.2020, 07:20 Uhr.

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