Neu im Kino «Lasst die Alten sterben»: Von Punks, Pissern und Hosenscheissern

Jungfilmer Juri Steinhart zeigt in seinem ersten Kinofilm zornige Digital Natives, die rebellieren wollen. Egal wogegen.

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Kinostart: «Lasst die Alten sterben»

2:08 min, aus Keine 3 Minuten – Die Filmkritik für Eilige vom 13.10.2017

Eigentlich besitzt Kevin die besten Voraussetzungen, um zufrieden sein. Er ist blutjung, beliebt bei seinen Freunden und begehrt beim anderen Geschlecht. Ausserdem hat der Wirbelwind soeben die Prüfung für die Kunsthochschule bestanden. Wenn da nur nicht diese Leere wäre!

Tief innen widert ihn alles an: sein spiessiger Name, seine liberalen Eltern, sein von Social Media genormtes Leben. Darum beschliesst er eines Tages, seinen Alltag radikal umzukrempeln.

Das aktuellste Zitat

Kevin (Max Hubacher) kommuniziert via Smartphone mit seinem Kumpel. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Lasst die Alten sterben» setzt raffiniert ins Bild, wie wir heute via Handy kommunizieren. Filmbringer

«Warum hesch mis Bild nid gliked?» Vor seiner radikalen Verwandlung zum Punk ist Filmheld Kevin wie die meisten seiner Generation: Total abhängig von Facebook-Likes und anderen Formen der digitalen Bestätigung im Social-Media-Zeitalter. Wenig später wird er sein Smartphone zertrümmern und unter dem Pseudonym «KevLeChef» eine Kommune gründen.

Der Schauspieler

Kevin (Max Hubacher) posiert fürs Netz. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Selbstinszenierung im Social-Media-Zeitalter: Klein-Kevin wird zu «KevLeChef». Filmbringer

Obwohl der Berner Max Hubacher erst 24 ist, gehört er hierzulande bereits zu den gefragtesten Schauspielern. Nach seinem Leinwanddebüt in der Krebs-Dramödie «Stationspiraten» (2010) machte ihn die Hauptrolle im Kassenschlager «Der Verdingbub» (2011) quasi über Nacht national bekannt.

2012 wurde er für diese Rolle mit dem Schweizer Oscar «Quartz» ausgezeichnet und durfte als «Shooting Star» der European Film Promotion zur Berlinale reisen. 2015 fiel er gleich in zwei helvetischen Produktionen mit abgründigen Rollen auf: In «Driften» spielte er einen Raser, in «Nichts Passiert» gar einen Vergewaltiger. Auch in «Lasst die Alten sterben» sprüht Max Hubacher nur so vor krimineller Energie.

Fakten, die man wissen sollte

Max Hubacher als Zigarette rauchender Punk namens «KevLeChef». Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Film ist beides: Schwarz-weiss wie das Weltbild der Punks und bunt wie das Leben. Filmbringer

David Fonjallaz und Louis Mataré, die Produzenten von «Lasst die Alten sterben», wollten ursprünglich einen Dokumentarfilm über die Kinder von 68er-Eltern drehen. Die fehlende Politisierung der heutigen Jugend war das Schlüsselthema, das dabei zur Sprache kommen sollte. Das war 2008.

Während der Projektentwicklung mutierte der Stoff dann zur Spielfilm-Idee, für die Juri Steinhart als Co-Autor verpflichtet wurde. In der ersten Drehbuchfassung war die Handlung noch in Zürich angesiedelt und gipfelte in den Opernhauskrawallen im Frühling 1980.

Zur Verschiebung der Handlung in die Gegenwart kam es erst, nachdem die Bewegung «Tanz dich frei» 2013 in Bern zu heftigen Ausschreitungen geführt hatte. Die Dreharbeiten fanden schliesslich im Sommer 2016 in der Bundesstadt statt – mit Kinodebütant Juri Steinhart als Regisseur.

Das Urteil

Eine Punk-Truppe stürmt auf die Linse zu. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die rasende Wut der Jugend, die in einer Welt aus Zuckerwatte nach Luft und Sinn schnappt. Filmbringer

«Lasst die Alten sterben» ist ein Blickfang. Neo-Punk Kevin und seine bunt zusammengewürfelte Truppe lassen so richtig die Sau raus. Sie pinkeln der Gesellschaft ans Bein und pfeifen auf gute Manieren. Revolutionär ist das dummerweise längst nicht mehr.

Mangels realer Ziele und Ideale wirkt ihre Attitüde eher wie das kindische Gehabe von Pissern und Hosenscheissern. Der Film dagegen ist alles andere als infantil.

Juri Steinharts Erstling besticht mit roher Energie, anarchischem Look und gewitzter Perspektive. Betrachten lässt sich das Ganze als stimmiger Schnappschuss einer Generation, die allzu gerne rebellieren würde. Wenn sie sich inmitten der Multi-Options-Gesellschaft auf ein Feindbild einigen könnte. Smartphones und Senioren – so die tragikomische Erkenntnis – taugen dafür schlecht. Wer Punk sein will, braucht echte Feinde.

Kinostart: 12. Oktober 2017