In diesem Wald ist kein Schweigen. Wer in die Dunkelheit hineinlauscht, bekommt einen Chorgesang aus Pfeifen, Röhren und Schnauben zu hören. Im Dokumentarfilm «Le chant des forêts» nimmt uns der Tierfilmer Vincent Munier mit in die weitläufigen Wälder der Vogesen.
Der Film zeigt eindrücklich, welches Spektakel sich demjenigen bietet, der mit offenen Ohren und Augen – und ein wenig Geduld – der Natur begegnet.
Vom Himalaya zurück in die Heimat
Vincent Munier ist ein Meister seines Fachs: Mit seinem Film «Der Schneeleopard» gelang ihm vor fünf Jahren ein vielbeachtetes Meisterwerk. Darin macht er sich auf, im tibetischen Hochland den scheuen und raren Schneeleoparden vor die Linse seiner Kamera zu bekommen. Mit schier unmenschlicher Geduld und Schmerzfreiheit verharrt er endlos in der klirrenden Kälte dieser unwirtlichen Umgebung – und sieht doch überall nur Schönheit.
Sein Credo: Ein Tierfilmer fängt vielleicht nicht immer genau das ein, was er sucht, aber Schönheit findet sich in der Natur allenthalben. Gelernt hat er sein Handwerk von seinem Vater Michel, den er im neusten Film auf Streifzügen durch die Wälder seiner Kindheit begleitet. Mit dabei ist auch Vincent Muniers zwölfjähriger Sohn Simon, der von seinem Grossvater lernt, wie man sich im Wald bewegen muss, um wilden Tieren zu begegnen.
Flüstern und tarnen
Für Grossvater Munier gehört zum Beruf des Tierfilmers unabdingbar ein grosser Respekt vor der Natur, Wissen über Tiere und Pflanzen und grosse Geduld. Ein Tierfilmer soll möglichst wenig in die Natur einwirken und die Tiere keinesfalls stören. Der ehrfürchtige und poetische Blick des Grossvaters auf die Natur setzt den Ton des Films.
Die drei Männer folgen den Spuren eines Luchses oder Auerhahns, harren in getarnten Unterständen aus und planen im Flüsterton den nächsten Schritt. Das Hoffen auf eine spektakuläre Tierbegegnung bildet den Spannungsbogen des Films. Abends sitzen die drei Generationen von Tier-Enthusiasten dann in einer kleinen Waldhütte zusammen und berichten von ihren Erlebnissen.
Die Geduld des Tierfilmers
Diese Begeisterung ist ansteckend. «Le chant des forêts» zeigt nicht nur spektakuläre Naturaufnahmen, sondern lehrt sein Publikum den geduldigen Blick des Tierfilmers. In endlos langen, ruhigen Einstellungen lässt er uns in den Wald hineinspähen und -horchen. Zu entdecken gibt es immer etwas – sei es ein Spinnenfaden, der im Morgenlicht glänzt, ein Käuzchen, das sich langsam aus seiner Baumhöhle wagt, oder zwei Rehe, die urplötzlich durch einen nebligen Waldsee schwimmen.
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Bild 1 von 7. In langen Einstellungen lässt Munier sein Publikum auf Entdeckungen warten – wie bei diesem nebligen Waldsee, in dem plötzlich zwei schwimmende Rehe und ein Hirsch auftauchen. Bildquelle: Filmcoopi.
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Bild 2 von 7. Diesem Luchs haben die Tierfilmer lange aufgelauert. Schliesslich gelingt eine spektakuläre Nahaufnahme. Bildquelle: Filmcoopi.
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Bild 3 von 7. Grossvater Munier erinnert sich an Begegnungen mit dem Auerhahn, der inzwischen in Frankreich beinahe ausgestorben ist. Damit der Enkel doch noch einen zu sehen bekommt, machen sich die drei Männer auf nach Skandinavien. Bildquelle: Filmcoopi.
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Bild 4 von 7. Der Film hält atemberaubende Bilder bereit, die einen auch dann in den Bann ziehen, wenn kein Tier im Mittelpunkt steht. Bildquelle: Filmcoopi.
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Bild 5 von 7. Die einheimischen Wälder halten Einiges an prächtiger Flora und Fauna bereit, das Munier gekonnt einzufangen weiss. Bildquelle: Filmcoopi.
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Bild 6 von 7. «Le Chant des forêts» fängt die Geräusche des Waldes ein – wie den Lärm, den dieser Specht beim Zerlegen eines Baumes macht. Bildquelle: Filmcoopi.
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Bild 7 von 7. Der Wald hält prächtige Lichtstimmungen bereit, wie bei diesem schnaubenden Hirsch in der Morgensonne. Bildquelle: Filmcoopi.
Die Gesänge des Waldes mischen sich mit den sanften Klängen des Soundtrack von Warren Ellis, dem Komponisten, Geiger und langjährigen Weggefährten von Nick Cave.
Dadurch ist der Klang dieses Filmes ebenso opulent wie seine Bilder. «Le chant des forêts» ist beeindruckend – und macht Lust, sich nach dem Kinobesuch gleich in den nächstgelegenen Wald zu begeben und sich dort auf die Lauer zu legen.
Kinostart: 26. März