Man-Soo hat alles, was zu einem vermeintlich erfolgreichen Männerleben gehört: ein grosses Haus, eine schöne Frau, zwei begabte Kinder – ja, sogar zwei goldene Labradore gehören zum Idyll.
Mozarts melancholische Klaviermusik, die in dieser ersten Szene von «No Other Choice» erklingt, scheint jedoch anzukündigen: Dieses perfekte Bild wird bald Risse bekommen. Und tatsächlich: Man-Soo verliert seinen Job als Manager in einer Papierfabrik wegen einer amerikanischen Übernahme.
Job weg – alles verloren?
Jetzt muss die Familie sparen: Keine Piano-Lektionen, keine Tennisstunden mehr, das Haus muss verkauft werden, sogar das Netflix-Abo muss dran glauben.
Eineinhalb Jahre und etliche Atemübungen in Selbsthilfegruppen später, sieht die Situation immer noch nicht besser aus. Man-Soo, der den Wohlstand seiner Familie wahren will, greift zu drastischeren Mitteln. Er fängt an, potentiellen Konkurrenten für Stellen in der Papierindustrie aufzulauern – und sie einen nach dem anderen umzubringen.
Auch die Mordopfer haben eine Geschichte
Sein erstes Opfer: ebenfalls ein ehemaliger Papierfabrikarbeiter mit Alkoholproblem – und einer Frau, die ihn betrügt.
Warum wir das wissen? Weil Regisseur Park Chan-Wook immer wieder von der Haupthandlung abdriftet und auch die Geschichten von Man-Soos Mordopfern erzählt. Leider droht der Film mit fast 2.5 Stunden Laufzeit sich dabei auch immer wieder etwas zu verlieren.
Kamera im Bierglas
Diese ungewöhnliche Dramaturgie wird jedoch von einer aufwendig-virtuosen Kameraarbeit wettgemacht. Wie auf einer Achterbahn gleitet die Kamera zwischen den Figuren hin und her.
Park Chan-Wook spielt mit ungewöhnlichsten Perspektiven: Er steckt seine Kamera zum Beispiel auch mal in ein Bierglas. Dies, sowie die satten Farben der Bilder, kreiert eine schon fast surreale Stimmung und führt dazu, dass das Publikum sich in einem ähnlich desorientierten, schwindelerregenden Zustand befindet wie der Protagonist des Films.
Familienvater wird zum Killer
Was «No Other Choice» so lustig wie tragisch macht: Man-Soo ist kein kaltblütiger Bösewicht. Er ist ein Familienvater aus der Mittelschicht, ein verzweifelter Normalo. Er hat auch mal Mitleid mit seinen Opfern und stellt sich bei seinen Morden unglaublich tollpatschig an.
Dank des grossartigen Schauspiels sind die Gewaltszenen – oft auch untermalt von kitschiger koreanischer Popmusik – von schrägstem Slapstick.
Nicht gegen das System – gegen sich selber
Dass sich Man-Soo so sehr mit seinem Job, seinem Status, seinen materiellen Erfolgen identifiziert, dass er dabei wortwörtlich über Leichen geht – das ist nicht nur ein bissiger Kommentar zu traditionellen Männlichkeitsanforderungen. «No Other Choice» ist auch eine groteske Überhöhung all dessen, was im Spätkapitalismus falsch läuft.
Man-Soo ist Opfer eines sich rasant wandelnden Arbeitsmarkts, in dem Automatisierung und KI Existenzen bedrohen. Doch statt Gewalt gegen das System zu richten, das in die Enge treibt, richtet er sie gegen Männer wie sich selbst – und rast dabei immer schneller in den Abgrund. Selten waren Tragik und Komik so untrennbar miteinander verbunden.
«No Other Choice» läuft ab dem 5. Februar 2026 in den Deutschschweizer Kinos.