Im November 1945 begann in Nürnberg vor dem internationalen Militärgerichtshof der Siegermächte der Prozess gegen die verbliebene Nazi‑Führung. Angeklagt waren deutsche Politiker, NS-Funktionäre und Militärs: wegen des Führens eines Angriffskriegs, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Ein solches Verfahren hatte es so vorher nicht gegeben.
Die 22 Angeklagten sassen im Nürnberger Zellengefängnis. Gegen zwölf von ihnen wurde am Ende die Todesstrafe verhängt, sieben wurden zu Freiheitsstrafen verurteilt, drei freigesprochen. Vor diesem historischen Hintergrund spielt «Nuremberg». Hauptfigur ist der US-amerikanische Psychologe Douglas Kelley. Er bekommt den Auftrag, den geistigen Zustand der angeklagten Nazis zu begutachten und ihre Verhandlungsfähigkeit sicherzustellen.
Im Zentrum stehen die Gespräche zwischen Kelley und Göring, einem der mächtigsten Männer im untergegangenen Dritten Reich. Der Reichsmarschall war der Oberbefehlshaber der Luftwaffe und Leiter des Reichswirtschaftsamtes.
Der Psychologe hat die Aura eines Hochstaplers – er macht den Job hauptsächlich, um später ein Buch über die Begegnungen zu schreiben, von dem er hofft, dass es ein Bestseller wird. Frauen versucht er mit billigen Zaubertricks zu beeindrucken.
Die ärztliche Schweigepflicht wirft Kelley nach kurzem Zögern über Bord, als er angehalten wird, den US‑Ankläger mit Informationen aus den Sitzungen zu versorgen, damit dieser während des Prozesses einen Vorteil hat. Das grosse Ziel des Anklägers: zu beweisen, dass Göring an der Massenvernichtung der Juden beteiligt war.
Zwischen dem Psychologen und der Nazi-Grösse entwickelt sich eine Art Duell. Sie versuchen, sich gegenseitig einzuwickeln. Kelley ist clever, charmant, einer, der versucht, ein freundschaftliches Verhältnis zu Hermann Göring aufzubauen und sogar dessen Familie besucht. Er trifft auf einen ebenbürtigen Gegner, der ebenfalls ein gekonnter Manipulator ist. Beide Männer glauben, dass niemand sie reinlegen kann, weil sie zu schlau sind. Am Ende zeigt sich: beide überschätzen sich.
Reale Personen, literarische Grundlage
Wie Göring gab es Douglas Kelley wirklich. Über seine Gespräche hat er nach dem Prozess das Buch «22 Cells in Nuremberg» (1947) verfasst. Der Journalist Jack El-Hai wiederum hat 2023 über Kelley das Buch «The Nazi and the Psychiatrist» geschrieben. Darauf basiert der Film.
Der Film pendelt zwischen Psycho- und Gerichtsdrama. Es ist keine dokumentarische Darstellung. Im Zentrum stehen die zwei Männer mit ihren Egos. Das Schauspielduell zwischen Rami Malek und Russell Crowe gewinnt letzterer.
Don’t speak German
Crowes Deutsch ist in der Originalfassung kaum verständlich und schreit nach Untertiteln. Da seine Figur aber überwiegend Englisch spricht, beeinträchtigt das den Film nur wenig. Lange nicht mehr der durchtrainierte «Gladiator» ist Crowe als korpulenter Göring eine Wucht. Unheimlich, narzisstisch, gefährlich, aber auch humorvoll und nicht unsympathisch – eben kein eindimensionaler Schurke. Es ist Crowes bester Auftritt seit dem Thriller «Unhinged», in dem er einen Psychopathen spielte.
Fazit: «Nuremberg» verbindet Unterhaltung mit Ernst – besonders in der zweiten Hälfte nimmt sich der Film genügend Zeit für sein historisches und moralisches Gewicht.
Kinostart: 7. Mai