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Kinostart: «Promising Young Woman»
Aus Kultur Extras vom 11.05.2021.
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Neu im Kino «Promising Young Woman» – ein Rachefeldzug gegen die Gesellschaft

Auch wenn «Promising Young Woman» immer wieder komische Elemente hat: Am Ende dieses mit einem Oscar ausgezeichneten Films lacht niemand. Doch darüber nachdenken wird man noch lange.

«Ist es nicht lustig, dass ich jetzt als Letzte lache?», singt Pop-Sängern Fletcher im Abspann zu «Promising Young Woman».

Doch wer diesen Film gerade zu Ende geschaut hat, wird nicht lachen. Sondern geschockt im Sessel kleben. Nach einer zweistündigen Achterbahnfahrt der Emotionen.

Schadenfreudige Lacher

Legende: «Weisst du überhaupt, wie ich heisse?» Cassie konfrontiert einen «netten Mann», der sie im Club aufgabelte und mit nach Hause nahm. Universal

Cassie (Carey Mulligan) ist 30, arbeitet in einem Coffee-Shop und hat eine Mission. Jeden Abend geht sie in Clubs und tut so, als wäre sie stark betrunken. Und jeden Abend kommt ein selbsternannter «nice guy», der vorgibt, ihr helfen zu wollen. Stattdessen nimmt er sie mit nach Hause, um mit der komplett zugedröhnten Frau Sex zu haben. Sprich: Sie zu vergewaltigen.

Cassie spielt das Spiel mit. Zeigt den Männern dann aber plötzlich, dass sie eigentlich vollkommen nüchtern ist. Und konfrontiert sie mit dem, was sie gerade tun wollten. Potenzielle Vergewaltiger, denen eine Frau eine Lektion erteilt – da rutscht einem ab und zu ein schadenfreudiger Lacher raus.

Einsame Rächerin

Legende: Einsame Rächerin: Cassie spricht mit niemandem über ihre Qualen. Universal

Cassie macht das Ganze nicht zum Spass. Sie ist schwer traumatisiert.

Ihre Freundin Nina und sie studierten früher Medizin. Bis Nina betrunken auf einer Party von Mitstudenten vergewaltigt wurde. Glauben wollte ihr das im Nachhinein niemand. Die beiden jungen Frauen verliessen die Uni.

Cassies nächtliche Rachetouren sind ihr Versuch, mit dem Schmerz und den Schuldgefühlen umzugehen.

Oder doch eine Rom-Com?

Legende: Traumtyp Ryan schämt sich nicht, in der Apotheke einen Paris-Hilton-Song zu schmettern. Universal

Doch dann trifft Cassie Ryan (Bo Burnham) – und der Film wird zu einer süssen Rom-Com. Inklusive Gesangs-Einlage in der Apotheke. Erinnert an Teenie-Komödien aus den Nullerjahren: Bonbon-Farben und catchy Soundtrack.

Doch sind jetzt alle Probleme gelöst dank eines edlen Ritters auf dem weissen Ross? Sorry, «Promising Young Woman» ist leider kein Märchen.

Rachefeldzug gegen die Gesellschaft

Cassies Rachefeldzug geht weiter. Nicht an gruseligen, fremden Gestalten, sondern an Mitstudenten, Bekannten. Gespielt von Schauspielern, die sonst nette Rollen übernehmen. Max Greenfield beispielsweise aus der Serie «New Girl» oder Adam Brody aus «O.C. California».

Legende: Uni-Freundin Madison glaubte Nina damals nicht. Jetzt sitzt sie mit Cassie in einem Restaurant – und hat noch keine Ahnung, was sie erwartet. Universal

Cassie rächt sich an einem System, das Vergewaltigungen herabspielt. Ein System, in dem lieber vielversprechenden jungen Männern («promising young men») geglaubt wird als Vergewaltigungsopfern. Und dieses System unterstützen auch Frauen.

Denen erteilt Cassie ebenfalls eine Lektion. Dem zuzuschauen, ist manchmal ziemlich unangenehm, da man nie weiss, wie weit Cassie geht.

Eigene Rolle hinterfragen

Das Ende des Thrillers macht einen fertig. Der Film ist realistischer als andere aus dem Rape-and-Revenge-Genre. Oft erhebt sich darin eine Frau nach einer Vergewaltigung zur blutigen und gleichzeitig super-sexy Rächerin.

Das ist in «Promising Young Woman» anders. Hier werden zwei Frauen durch eine Vergewaltigung zerstört. Cassie ist zwar eine Rächerin, aber vielschichtiger und nahbarer. Wie auch ihre Opfer. Das zwingt die Zuschauenden dazu, die eigene Rolle in der «Rape Culture» zu hinterfragen.

Nein, am Ende dieses mit einem Oscar ausgezeichneten Films lacht niemand. Doch darüber nachdenken wird man noch lange. Und genau das ist wichtig.

Kinostart: 13. Mai 2021

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7 Kommentare

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  • Kommentar von Michel Koller  (Mica)
    Es ist nicht akzeptabel sexuelle Gewalt auszuüben, man muss dies auch nicht tolerieren aber man trägt immer die Verantwortung für sich selbst. Ich breche dies auf einen einfachen Satz herunter, welchen ich auch meiner bald 16 jährigen Patentochter ans Herz gelegt habe. "Die Welt ist ein gefährlicher Ort, handle entsprechend". Man begibt sich bspw. in keine Situation, in welcher man die Kontrolle vollends verliert. Egal was Gesetze und Gesellschaft dir "versprechen". Man schützt sich selbst.
  • Kommentar von Rolf Meier  (r0lf)
    Rape Culture. Sprich: Eine Kultur des Vergewaltigens. Das sagt eigentlich schon alles über das vermittelte Männerbild aus. Nicht im Film, sondern in diesem Artikel. Die Ausgangslage im Film erscheint nämlich nicht unrealisitisch. Es bestreitet wohl niemand, dass es solche Vergewaltiger gibt. Und die hängen in Clubs rum, weil man da an Frauen herankommt. Und die halten wohl nach leichter Beute Ausschau. D.h. alles möglich. Aber was sollen wir dagegen tun? Vorschlag: Alkohol in Clubs verbieten.
    1. Antwort von Christian Mueller  (Christian Mueller)
      Ihr Kommentar bestätigt leider nicht nur das vermittelte Männerbild. Ich habe noch einen Vorschlag: Vergewaltigungen verbieten, oh, das ist es bereits. Warum denn Alkohol verbieten? Alkohol zwingt niemand schlechtes zu tun. Ich war schon oft sturz betrunken, habe trotzdem nie jamanden vergewaltigt. Aber was könnten wir tatsächlich dagegen tun? Hirn einschalten. Auch beim Kommentieren.
    2. Antwort von Rolf Meier  (r0lf)
      Weiterer Vorschlag: Abdeckkappen über die Gläser/Becher stülpen, damit keine Pillen/Mittelchen reingekippt werden können. Das wären doch mal zwei Lösungsansätze. Da wäre ich als Mann sofort dabei, das mitzutragen, auch wenn der Ausgang dann für alle evtl. etwas weniger Spass macht. Die Clubbetreiber müssten dann die Eintrittspreise erhöhen, da dann evtl. allgemein weniger konsumiert wird. Vielleicht kämen dann einige Frauen auch nicht mehr gratis/ermässigt rein, wie das heute teils möglich ist.
    3. Antwort von Rolf Meier  (r0lf)
      @Christian Mueller: Die Idee war eher, dass allgemein kein Alkohol konsumiert wird, damit keine Situation entsteht, wo jemand wehrlos ist. Was wäre denn ihr Vorschlag? Bitte dieses Mal ohne beleidigend zu werden. Nur weil ich eine andere Meinung als Sie habe und mein politischer Kompass vermutlich etwas anders aussieht, heisst das nicht, dass mein Hirn nicht eingeschaltet ist. Danke.
  • Kommentar von Vinzenz Böttcher  (AfroKaiser)
    Ob es moralisch vertretbar ist, mit einer besoffenen unbekannten Person (mit deren besoffenem Einverständnis) Sex zu haben, ist vielleicht noch fragwürdig. Da von Vergewaltigung zu Reden scheint mir aber falsch. Aber erwachsene Menschen, die sich mit voller Absicht um den Verstand trinken, haben die Entscheidungen, die sie mit besoffenem Kopf treffen selbst zu verantworten. Das gilt wenn man besoffen ein Auto anzündet, warum nicht auch, wenn man besoffen zustimmt Sex zu haben?
    1. Antwort von Christian Mueller  (Christian Mueller)
      Es geht eben gerade darum, dass jemand kein Einverständnis gegeben hat. Egal ob bekannt oder unbekannt. Das ist Vergewaltigung. Erwachsene Menschen egal in welchem Zustand, ob bewusstlos wegen Alkohol, Medikamenten oder anderen Substanzen, oder einfach schlafend: Niemand hat zu Sex ja gesagt. Wer besoffen eine Straftat begeht, wird übrigens wegen verminderter Zurechnungsfähigkeit weniger bestraft.... Aber mit Besoffenen darf man Sex haben, ohne Einverständnis? Oder wie meinen Sie das?