Die Muskelshirts. Die Caprihosen. Das Stöhnen. Die rohe Kraft dieser Topspin-Vorhand. Der Machtkampf mit Roger Federer. Die anfangs holprigen Interviews auf Englisch. Rafael Nadal – in den 2000er-Jahren tauchte der «Rambo aus Spanien» im Profitennis auf. Und war nie wieder wegzudenken.
Der Sandplatzkönig
Trotz Rücktritt 2024: Nadal ist wieder in aller Munde. Grund ist die Netflix-Serie «Rafa», erschienen am 29. Mai. Gut getimed: Am 3. Juni 2026 feiert er seinen 40. Geburtstag – parallel laufen die French Open in Paris.
Es war sein allerliebstes Turnier. Hier ist sein Fussabdruck am Centre Court verewigt, hier hat er 14 Mal gewonnen.
Publikumsmagnet: Sportdoku
Kein Tennisfan? Kein Problem. Die Doku-Serie meistert das dramatische Storytelling. Seit einigen Jahren setzt Netflix verstärkt auf Sportdokus.
Warum das funktioniert? Es geht um mehr als Resultate und Statistiken. Netflix zeigt die persönlichen Konflikte, die Kämpfe, die menschliche Seite einer ansonsten überlebensgrossen Figur. Sei dies bei Michael Jordan, bei Simone Biles oder bei David Beckham.
Und nun auch bei Rafa. Es ist die Geschichte eines Mannes, der vor allem gegen sich selbst kämpfte.
Von MRT und Spritzen
Der rote Faden: Rafas chronische Verletzungsgeschichte. Seit er 16 ist, macht ihm sein Körper zu schaffen.
Zuerst die höchstseltene Fusskrankheit, die seine Karriere eigentlich hätte verhindern müssen. Daraus folgten Knie- und Hüftprobleme, Schmerzmittel, Darmprobleme. Erneut im MRT: Routine. Das sieht man ihm an.
Gespräche mit Weggefährten bringen einen näher an den Menschen Rafa. Schön ausgeleuchtete Interviews mit der Familie, mit Rivalen wie Federer und Djokovic, mit seinen Ärzten.
Die Story springt hin und her zwischen seinen Anfängen und seinen letzten Monaten im Profisport. Immer wieder fragt er sich, wie lange sein Körper dies noch mitmacht.
Held mit Angstzuständen
Rafa wird gezeigt als der willensstarke Held – mit Sätzen wie: «Ich bin kein Sieger, ich bin ein Kämpfer.»
Doch es gibt auch unerwartete Seiten. Nadal gibt zu, unter Angstzuständen gelitten zu haben. Er holte sich Hilfe bei einem Psychiater.
Die Ticks, die immer wieder belächelt wurden? Das Zupfen an der Unterhose, das Abtupfen der Nase, das Nichtberühren der Platzlinie? «Es war eine Form der Kontrolle», sagt Nadal. Er wirkt verlegen. Sein Onkel Toni sagte, er solle damit aufhören, er mache sich lächerlich.
Antiheld Toni
Und damit zum Auftritt des Antihelden. Onkel Toni. Er trainierte Nadal 26 Jahre lang. Nadal nennt ihn die «prägendste Figur seines Lebens». Folge für Folge wird Toni unsympathischer.
Toni verwehrte dem Teenager Nadal Wasser im Training. Er musste lernen, zu leiden. Als Nadal später einen zusätzlichen Coach ins Team bringt, setzt sich Toni ab. Und liess es seinen Neffen über die Presse wissen.
Er wirkt hochnäsig im Interview. Erklärt allen die Welt. Und zitiert dann auch noch Goethe.
Blick dahinter
Die Serie funktioniert auch, weil sie einen vermeintlichen Blick hinter die Kulissen bietet.
Man ist dabei, wenn nach einer schlechten Diagnose im Auto niemand die richtigen Worte findet. Bei der Sprechstunde, als Rafa der Ärztin gesteht, nicht auf Schokolade verzichten zu können. Beim Spielen zu Hause mit dem Sohn.
Rafael Nadal ist einer der besten Tennisspieler der Welt. Die Serie bietet eine Einordnung seiner Exzellenz. Aber sie bietet auch einen reflektierten Mann, dem man gerne zuhört.