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Michael Sennhauser über «Antoinette dans les Cévennes»
Aus Kultur-Aktualität vom 25.02.2021.
abspielen. Laufzeit 03:27 Minuten.
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Neue französische Komödie «Antoinette dans les Cévennes»: Ein tierischer Therapie-Trip

In der französischen Komödie «Antoinette dans les Cévennes» reist eine verliebte Frau ihrem verheirateten Liebhaber nach – mit einem sturen Esel.

Antoinette Lapouge ist Primarlehrerin. Als ihr ihr verheirateter Kollege und Liebhaber eröffnet, dass er nicht mit ihr, sondern mit seiner Frau und seiner Tochter in die Ferien fahren wird, ist sie entsetzt.

Er bedauert und erklärt, es handle sich um Wanderferien mit einem Esel in den südfranzösischen Cevennen .

Trotzig und planlos bucht Antoinette die gleiche Eselwanderung, einfach in der Gegenrichtung, um dem Geliebten nahe zu sein. Etwas unsicher wird sie erst, als in der Herberge andere Gäste darüber lachen, dass sie allein mit einem Esel loswandern möchte.

Legende: Laure Calamy und Benjamin Lavernhe spielen in «Antoinette dans les Cévennes» ein Liebespaar. Julien Panié / Chapka Films / La Filmerie / France 3

Natürlich bleibt Antoinettes Esel schon am ersten Wandertag irgendwo in den Hügelzügen einfach stehen. Antoinette heult ihr Elend aus sich heraus – über den Esel, den Liebhaber, das Leben. Und sie bemerkt, dass der Esel brav marschiert, so lange sie redet.

Der nächste Selbstfindungs-Film

«Travels with a Donkey in the Cévennes» heisst ein früher Reisebericht des späteren «Schatzinsel»-Autors Robert Louis Stevenson: Reisen mit einem Esel in den Sevennen, publiziert 1879.

Die französische Filmemacherin Caroline Vignal parodiert auf der Basis von Stevensons Klassiker einerseits die unzähligen Pilgerreise-Selbstfindungs-Filme der letzten Jahre.

Zugleich aber nimmt sie auch das derzeit angesagte Psychotherapie-Serienformat auf die Schippe, indem sie ihre Antiheldin Antoinette nun dem Esel über viele Dutzend Kilometer hemmungslos ihr Inneres offenbaren lässt.

Legende: Das Gaspedal funktioniert nur, wenn Antoinette redet. Julien Panié / Chapka Films / La Filmerie / France 3

Die Serie, die ganz Frankreich therapiert

Reden befreit. «En thérapie» heisst die französische Version des weltweit erfolgreichen Psychotherapie-Serienformats, das zurzeit auf Arte zu sehen ist. Schon in der ersten Folge verarbeitet da die Chirurgin (Melanie Thierry) beim Therapeuten ihr Trauma, das von den Bataclan-Morden im November 2015 herrührt.

«En thérapie» ist eine Art französische Nationaltherapie, inszeniert von den «Ziemlich-Beste-Freunde»-Machern Eric Toledano und Olivier Nakache.

Legende: Der Film macht Lust auf Urlaub in Südfrankreich – allenfalls sogar auf eine Begegnung mit einem sturen Esel. Julien Panié / Chapka Films / La Filmerie / France 3

Die nervtötende Hauptfigur

«Antoinette dans les Cévennes» ist bescheidener. Antoinette redet sich ihren Männer-Frust von der Seele, freundet sich mit dem Esel an und findet dabei ihre Freiheit.

Der Film ist von einer Frau geschrieben und inszeniert, und die Schauspielerin Laure Calamy spielt ohne Scham und Bremse. Das macht es ihnen möglich, die Hauptfigur erst einmal nervtötend naiv und unvorteilhaft auftreten zu lassen – ein heikles Unterfangen in einer Komödie, das man einem männlichen Regisseur nicht mehr so einfach gestatten würde.

Wo Therapie auf den Wilden Westen trifft

Aber der Kniff zahlt sich aus. Denn diese Selbstfindung von Antoinette in den Sevennen, parodiert die Selbstfindungs- und Therapiegeschichten nicht nur, sie stellt sie auch überzeugend nach.

So sehr, dass Antoinette zum Schluss westernmässig zu einem Lied aus dem John-Wayne-Klassiker «Rio Bravo» in den Sonnenuntergang schreiten kann, ohne Gewehr und Pferd zwar, aber mit ihrer Erinnerung an den Esel und im Reinen mit sich selbst.

Und das Publikum hat nun plötzlich Lust auf Stevenson-Lektüre, Urlaub in den südfranzösischen Sevennen und allenfalls gar die Begegnung mit einem sturen Esel.

«Antoinette dans les Cévennes»

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Der Film kann ab Freitag auf verschiedenen Plattformen wie cinefile.ch oder myfilm.ch gestreamt werden.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, 25.2.2021, 7:06 Uhr

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2 Kommentare

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  • Kommentar von Hans Klein  (HansKlein)
    Klingt für mich ein bisschen wie die Geschichte von dem Algerier, der mit seiner Kuh zu Fuss nach Paris zur Landwirtschaftsausstellung reiste – ein anderer französischer Film mit auf andere Weise lustigen und nachdenklich machenden Passagen. (Habe nur leider den Titel vergessen.) Aber klar: "Selbstfindung" kommt beim europäischen Publikum sicher besser an – wir haben ja auch sonst nichts zu tun ;-)
    1. Antwort von Michael Sennhauser  (мι¢нαєℓ ѕєηηнαυѕєя)
      Sei meinen "La vache": https://m.srf.ch/audio/film-tipp/la-vache-mit-kuh-jacqueline-nach-paris?id=10906092&sgId=10000171