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Filmbesprechung: Rückkehr nach Višegrad
Aus Kultur-Aktualität vom 07.12.2020.
abspielen. Laufzeit 03:12 Minuten.
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Neuer CH-Dokfilm «Rückkehr nach Višegrad»: Ein Klassentreffen mit ungewissem Ende

Serbische und bosnische Kinder teilten die Schulbank, bis der Krieg kam. Der CH-Dokumentarfilm «Rückkehr nach Višegrad» erzählt von einer Klassenzusammenkunft zwischen Versöhnung und aufgerissenen Wunden.

Es gibt gute Gründe, Klassenzusammenkünfte zu meiden: Man sehnt sich nicht unbedingt nach Menschen, deren Gesellschaft man sich nie ausgesucht hat. Man befürchtet vielleicht, dass man immer noch für das unreife Schulkind gehalten wird, das man einst war. Womöglich erliegt man auch selbst der Täuschung, man würde dort von unreifen Schulkindern umringt.

Im Dokumentarfilm «Rückkehr nach Višegrad» mögen all diese Faktoren eine Rolle spielen, aber sie sind zweitrangig. Die betroffene Klasse aus Ostbosnien und Herzgowina wurde 1992 im vierten Primarschuljahr durch den Krieg getrennt. Plötzlich war die Schule aus, viele Familien flohen, es gab Tote, die meisten Kinder sahen sich seither nie wieder – und wollten das vielleicht auch gar nicht mehr.

Ein Duo filmt ein Duo

Eine Frau und ein Mann (die Schweizer Filmschaffenden Julie Biro und Antoine Jaccoud) filmen nun eine Frau und einen Mann dabei, wie sie sich anschicken, diese ehemaligen Klassenkameradinnen und Kameraden wieder zusammenzutrommeln: Die Witwe des Lehrers und der ehemalige Schulleiter steigen ins Auto und fahren los, ein altes Klassenfoto und eine Adresskartei im Gepäck.

Ein gelbes, altes Auto fährt auf einer verlassenen Landstrasse.
Legende: Mit dem alten Zastava machen sie Budimir, der ehemalige Schulleriter und Djemila, die Witwe des Klassenlehrers, auf den Weg in die Vergangenheit: Louise Productions Lausanne / Outside The Box

Beide sind in die Jahre gekommen, Altersbeschwerden machen ihnen zu schaffen. Es wird im Film mehrmals deutlich, dass das mühselige Abklappern von Adressen an ihren Kräften zehrt.

Denn genau das machen die beiden jetzt: An Haustüren klingeln; sich verabreden in Büros und Kaffeehäusern; am Handy ein persönliches Treffen vorschlagen, um das aufgegleiste Projekt schmackhaft zu machen – manchmal erfolgreich, manchmal nicht.

Ein älterer Mann telefoniert mit dem Handy. Er trägt eine grosse schwarze Brille und schaut skeptisch.
Legende: Zuhören, trösten, motivieren: Budimir versucht alles, um die ehemaligen Schüler von der Klassenzusammenkunft zu überzeugen. Louise Productions Lausanne / Outside the Box

Ein harziger Prozess

Diesen vorbereitenden Kontakt zu den einzelnen Mitgliedern der Schulklasse braucht es, soviel wird klar: Würde man diesen Menschen einfach eine Mail zukommen lassen, bliebe wohl fast alles unbeantwortet.

Jede einzelne Person muss vom Sinn der Aktion überzeugt werden. Der Prozess verläuft bisweilen harzig, und auch im Publikum fragt man sich in einigen Passagen des Mittelteils, ob man da wirklich dranbleiben will.

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Trailer zu «Retour à Visegrad»
Aus Kultur Extras vom 06.12.2020.
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Aber das Dranbleiben lohnt sich: Man lernt lauter Menschen kennen, die völlig unterschiedlich auf das Angebot reagieren. Einige erinnern sich noch an alles. Starke Gefühle kommen hoch. Einige erinnern sich an nichts. Eine Ex-Schülerin bringt ihre Bedenken auf den Punkt: «Vielleicht gibt es auch Hass bei einem solchen Zusammentreffen. Wir wurden nicht gleich erzogen. Wir haben nicht das gleiche erlebt.»

Ein Mann zeigt auf ein altes Klassenfoto.
Legende: Manche Erinnerungen sind verblasst, andere noch ganz klar: Das alte Klassenfoto löst bei den ehemaligen Schülerinnen und Schülern unterschiedliche Emotionen aus. Louise Productions Lausanne / Outside the Box

Mit Humor und Hartnäckigkeit ans Ziel

«Rückkehr nach Višegrad» hätte ein episodenhafter, zerfaserter Film werden können, hätte er nicht zwei schlagende Herzen im Zentrum: Die Lehrerwitwe und der Ex-Schulleiter führen das Publikum mit Charme durch den ganzen Film. Ihr Engagement wirkt immer ansteckender, je länger diese Odyssee dauert. Mit überraschend viel Humor, mit Einfühlungsvermögen und mit einer nicht zu unterschätzenden Hartnäckigkeit verfolgen sie ihr Ziel.

Am Schluss steht erwartungsgemäss das alte Schulhaus, das alte Klassenzimmer. Aber wer trifft jetzt hier ein? Wie viele kommen? Wird dieses nicht ganz ungezwungene Wiedersehen herzerwärmend oder beklemmend peinlich? Auf das Kinopublikum wartet auf jeden Fall ein starkes emotionales Finale, das jede Minute wert ist, die es bis hierhin gedauert hat.

Produktionshinweis und Kinostart

«Rückkehr nach Višegrad» von Julie Biro und Antoine Jaccoud wurde von Radio Télévision Suisse koproduziert.

Im Kino: Deutschschweiz: 3. Dezember 2020, Westschweiz: 9. Dezember 2020

SRF 2 Kultur, Kultur Aktualität, 07.12.2020, 17:20 Uhr.

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