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Filmbesprechung «Wanda, mein Wunder»
Aus Kultur-Aktualität vom 02.06.2021.
abspielen. Laufzeit 03:30 Minuten.
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Neuer Film von Bettina Oberli «Wanda, mein Wunder»: Der Engel, der schwanger wurde

Im Film «Wanda, mein Wunder» kümmert sich die Pflegerin Wanda liebevoll um das Familienoberhaupt einer reichen Familie. Alles läuft plangemäss, bis die Polin schwanger wird.

Es läuft gerade nicht so gut bei Familie Wegmeister-Gloor in der Villa am See. Patriarch Josef (André Jung) liegt nach einem Schlaganfall gelähmt im Bett und regt sich über den Hund seiner Frau (Marthe Keller) auf. Dieser hat wieder mal auf den Teppich gepinkelt.

Seine Frau solle den inkontinenten Teufel doch endlich einschläfern lassen, mault er. «Wir lassen Dich ja auch nicht einschläfern», entgegnet sie.

Eingeschläfert wird Josef nicht. Er wird rund um die Uhr von der jungen Polin Wanda umsorgt – ein Engel, zumindest in den Augen des Alten im Bett. Als dann Madame Wegmeister-Gloor die Putzfrau davonläuft, versucht sie, auch noch den Putzjob der polnischen Pflegerin anzuhängen.

Ein Feilschen um Kräfteverhältnisse

Die Szene, in der die Villenbesitzerin mit der polnischen Pflegerin ausgesprochen knickerig um ein paar hundert Franken mehr oder weniger feilscht, etabliert die Kräfteverhältnisse im Haus nur bedingt. Für den Film aber ist diese Szene mit Marthe Keller und Agnieszka Grochowska eine Schlüsselszene: Die Sympathie der Zuschauenden gehört der Polin.

Legende: Josef liegt nach einem Schlaganfall gelähmt im Bett. Dabei kommt er seiner Pflegerin Wanda immer näher. Filmcoopi

Dass diese dem bettlägerigen Monsieur nicht nur als Krankenpflegerin entgegenkommt, weiss Frau Wegmeister-Gloor nicht. Denn für diese Dienste entschädigt ihr Gatte Wanda mit Bargeld, direkt aus seiner Schatulle auf dem Nachttisch.

Der unerwartete Nachwuchs bringt Empörung

Am Tag, an dem Wanda unerwarteten Nachwuchs ankündigt und der alte Wegmeister-Gloor vor lauter Begeisterung wieder gehen kann, hat das Wunder des Filmtitels eingeschlagen.

Die Familie ist entsetzt. Tochter, Schwiegersohn und Sohn halten Kriegsrat mit ihrer Mutter, diskutieren über Abtreibung, Entschädigung oder weitere zu erwartende polnische Erpressungen.

Die Männerfiguren bleiben blass

Bettina Oberlis Tragikomödie startet fulminant und steuert immer wieder ganz schön giftige Höhepunkte an. Die Männerfiguren bleiben eher blass, mit Ausnahme vom Patron.

Die Darstellerinnen hingegen jagen sich mit schneidender Präsenz durch das Drehbuch. Vor allem Marthe Keller als Patriarchin und Birgit Minichmayr in der Rolle ihrer Tochter laufen zu Höchstform auf.

Legende: Im Film «Wanda, mein Wunder» glänzen vor allem die Frauenfiguren. Die Männer bleiben eher blass. Filmcoopi

Dagegen kommt Wanda-Darstellerin Agnieszka Grochowska nur mit Mühe an. Unter anderem, weil das Drehbuch ihrer Rolle viel aufbürdet. So ist Wanda einerseits die menschlichste Figur im Spiel: freundlich, bestimmt und intelligent. Wanda ist aber auch moralisch ambivalenter, als es die Inszenierung zu tragen vermag.

Der Film hätte mehr Zeit gebraucht

Sie hält sich finanziell schadlos an der korrupten Familie. Aber nur ein bisschen und dann schliesslich auch wieder nicht, weil ihr die Geschichte die moralische Oberhand zuweisen möchte.

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«Wanda, mein Wunder» am Zurich Film Festival
Aus 10 vor 10 vom 24.09.2020.
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Genau da liegt die Schwäche dieser ansonsten ganz schön scharfen Tragikomödie: Der Übergang von der Satire zur Tragödie gelingt nicht so fliessend, wie er müsste. Die zunächst klar verordneten Figuren werden mehrdimensional, bekommen tragische Züge, und werden zum Filmende hin doch in eine gehemmte Versöhnlichkeit gepresst, die mehr Zeit gebraucht hätte.

Infos zum Film

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Nach diversen Vorpremieren startet «Wanda mein Wunder» diesen Donnerstag in 65 Kinos und auf den Schweizer Streaming-Plattformen.
SRF hat die Tragikomödie von Bettina Oberli mitproduziert.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 2.6.2021, 17:10 Uhr

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1 Kommentar

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  • Kommentar von Simon Badertscher  (Cotillion)
    "Die Darstellerinnen hingegen jagen sich mit schneidender Präsenz durch das Drehbuch. Vor allem Marthe Keller als Patriarchin und Birgit Minichmayr in der Rolle ihrer Tochter laufen zu Höchstform auf." Würd man nicht in eben diesem Fall nicht mehr vom Patriarchat, sondern vom Matriarchat sprechen. Sie wäre doch eher eine Matriarchin...