Orson Welles spielt ein Phantom – und ist selbst eines

In «Der dritte Mann» von 1949 spielt Orson Welles einen tot geglaubten Schieber. Legendär die Verfolgungsjagd in den Kloaken Wiens. Der Dreh ist die Hölle: für den kapriziösen Welles und für Regisseur Carol Reed, der seinen Hauptdarsteller ertragen muss und nebenbei den bestialischen Gestank.

Mann mit ausgestreckten Armen im Gegenlicht in einem Tunnel Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Mann, der zweimal stirbt und das an einem unschönen Ort: Harry Lime in «Der dritte Mann». Carol Reed's Production

  • Schlimmer als der bestialische Gestank in den Katakomben Wiens war der Hauptdarsteller. Kapriziös schrie er um sich, beschimpfte Crew und Regisseur Carol Reed.
  • Orson Welles spielte nicht nur das Phantom Harry Lime, er war selber des öfteren schon mal unauffindbar. Er verdrückte sich ohne Ansage vom Dreh, flog schnell nach Rom und versuchte Geld für seine eigenen Filme aufzutreiben.
  • Der Regisseur Carol Reed musste Welles dann doubeln: Das letzte Bild Harry Limes sind die Finger, die sich von unten durch den Kanaldeckel schieben, es sind Carol Reeds Finger.

Bestialischer Gestank und dann auch noch Orson Welles

Gleich zu Beginn seines Drehplanes stand die berühmte Verfolgungsjagd in den Abwasserkanälen Wiens. Orson Welles hasste diese Szene: «Ich komme aus Amerika und hol mir hier unten Typhus», brüllte er.

Regisseur Carol Reed blieb ganz ruhig und beschränkte sich auf das Wesentliche seiner Regiearbeit: «Alles was Du zu tun hast ist: Stell dich genau da hin, ändere Deinen Gesichtsausdruck, und schau die Polizisten an, die hinter Dir her sind und renn los.»

Vielleicht zehn Minuten geistert Orson Welles durch Carol Reeds «Der Dritte Mann», jenem britischen Film noir, gedreht im maroden Nachkriegs-Wien, der Welles unsterblich machte.

Welles rannte durch das Labyrinth wie ein Verrückter und schrie: «Ich komme auch zurück, lasst bloss die Kamera laufen!» Er stellte sich unter einen Kloaken-Wasserfall und kam zurück wie ein begossener Pudel. «War doch phantastisch, oder? Ihr findet mich im Hotel, wenn ich noch gebraucht werde.»

Alle Zeichen stehen auf Sturm

Für 100'000 Dollar liess sich Orson Welles, der charmante, geniale und als unzuverlässig verschriene Film- und Theatergigant im Oktober 1948 an die Donau, ins kalte, zerbombte Wien locken, um den nonchalanten Bösewicht zu mimen. Alle Zeichen standen auf Sturm: das kalte Wien, das ungeliebte Drehbuch von Graham Greene und die Aussicht darauf in den stinkenden Wiener Kloaken drehen zu müssen, missfielen dem aufbrausenden Wunderknaben.

Finger strecken sich von unten durch einen Kanaldeckel Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Finger sind nicht die des Hauptdarstellers Orson Welles sondern die des Regisseurs Carol Reed. Filmstill / Carol Reed's Production

Nicht nur im Film, wo er als Toter wieder die Strippen in Wiens Unterwelt ziehen konnte, auch hinter der Kamera war Welles ein Phantom, immer auf Achse, Geld für seine Filme aufzutreiben. Orson Welles war zwischenzeitlich nach Rom entschwunden, um Geld für seine eigenen Filmprojekte einzuwerben.

Kurz vor seinem berühmten Film-Tod auf der Treppe sehen wir die spinnenartigen Finger von Harry Lime durch den Gullydeckel zappeln, die Schlüssel-Szene, kurz bevor er von seinem alten Schulfreund Holly Martins erschossen wird.

Der Regisseur muss seinen Darsteller doubeln

Es sind die von Carol Reed gedoubelten Finger und nicht die von Orson Welles. Der «Dritte Mann» war wieder einmal unauffindbar für diese Szene. So spielte Welles nicht nur Harry Lime, den Penicillin-Schieber und Trickser. Er mimte vor allem sich selbst, den genialen Regisseur, der als Schauspieler sein Geld verdiente, um überhaupt Regisseur sein zu können.

Er war immer auf der Flucht vor ungeliebten Filmrollen und lästigen Filmleuten, die den phänomenalen Charakter mit den dramatischen Augen besetzen wollten, irgendwo zwischen Othello und süffisant lächelndem Falschspieler.

Dass er sich am Set vom «Dritten Mann» dann seinen eigenen Tod anschauen musste, passte nur zu gut zu Orson Welles, der als Harry Lime dann auf den Stufen einer Metalltreppe im Untergrund von Wien sein melodramatisches Ende erwartet: Weiss wie die Wand, mit dem Blick eines angeschossenen Wildtiers, das den Gnadenschuss erwartet: So sehen wir Orson Welles als den entlarvten «Dritten Mann» in auswegloser Lage.

Ein letzter Blick auf Holly Martins, Harry Lime nickt kaum merklich. Durch das dunstige Kloaken-Labyrinth schallt das Echo des Todesschusses. Harry Lime ist ein zweites Mal gestorben, diesmal für immer.