Neuer Film von Jim Jarmusch «Paterson»: Poesie nach Fahrplan

In Jim Jarmuschs neustem Film passiert nichts Aussergewöhnliches. Der perfekte Film um die Poesie des Alltags zu entdecken – und dabei herunterzufahren.

Paterson steht mit Hund vor seinem Haus. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: In «Paterson» spielt der Alltag die Hauptrolle, nicht das Aussergewöhnliche. Mary Cybulski/Filmcoopi

Weihnachtszeit, eilige Zeit: Pünktlich zum Schlussspurt des ausklingenden Jahres kommt von Independent-Regisseur Jim Jarmusch ein neuer Film ins Kino.

Trailer zu «Paterson»

2:26 min, vom 20.12.2016

In «Paterson» dreht ein Busfahrer seine Runden und schreibt Gedichte. Viel mehr passiert nicht, aber noch selten konnte man in einem Film so wunderbar herunterfahren.

Beinahe wäre er Poet geworden

Lakonisch, langsam und unberechenbar lustig – die Filme von Jim Jarmusch («Only Lovers Left Alone») lassen sich schwer in Worte fassen. Zuweilen wecken sie gar den Eindruck, dass sie selber ohne Worte auskommen und sich stumm in das Gedächtnis ihres Publikums schleichen.

Doch das ist eine Sinnestäuschung, denn tatsächlich war Sprache für die Entwicklung des Filmemachers mindestens so prägend wie dessen Faszination für die B-Movie-Monster seiner Kindheit.

Paterson und Laura stehen vor B-Movie-Plakaten. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Paterson» feiert Poesie – auch die Hommage an B-Movies fehlt nicht. Mary Cybulski/Filmcoopi

In Jugendzeiten verschlang Jarmusch die Bücher der Beat Generation, las Rimbaud und Baudelaire und begann ein Englischstudium mit der festen Absicht, Dichter zu werden.

Wiederholung mit Variation

Das hinterlässt Spuren. In «Down by Law» zitiert Roberto Benigni den US-Poeten Robert Frost, in «Dead Man» trägt ein Indianer Verse des englischen Dichters William Blake vor. Und Jarmuschs neuer Spielfilm «Paterson» teilt sich seinen Titel mit dem gleichnamigen Gedichtzyklus des amerikanischen Lyrikers William Carlos Williams.

Williams Gedichte starten nicht mit einer Idee, sondern mit alltäglichen Dingen, und daran hält sich auch Jarmusch. In «Paterson» beschreibt er das Leben eines Busfahrers, der selbst Paterson heisst und seine Runden in der Kleinstadt Paterson dreht, einen Steinwurf entfernt von New York.

mit Malerfarbe Farbe im Gesicht. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Paterson dichtet, Laura (Golshifteh Farahani) dekoriert. Mary Cybulski/Filmcoopi

Wiederholung und Variation heisst die Methode, und was als Pose enden könnte, wird hier zu Poesie.

Nostalgisch entrückter Alltag

Es passiert fast nichts in diesem Film, zumindest nichts Aussergewöhnliches: Jeden Morgen wacht Paterson (Adam Driver) kurz nach sechs Uhr auf und geht zur Arbeit, pünktlich um sechs Uhr abends kehrt er heim zu Laura (Golshifteh Farahani), die in seiner Abwesenheit das Haus neu dekoriert, Muffins bäckt und von einer Karriere als Country-Sängerin träumt.

Eine Woche lang begleiten wir Paterson durch diesen Alltag, der in seiner Bedächtigkeit nostalgisch entrückt scheint. Doch gesprochen wird die ganze Zeit, und der Busfahrer hört genau zu, um seine Gedanken in einem Notizbuch festzuhalten. Paterson ist selbst ein Dichter, auch wenn er noch keine einzige Zeile veröffentlicht hat.

Einmaliges Sehvergnügen

Immer und immer wieder fährt Paterson dieselbe Strecke, doch stellt sich dabei keine Monotonie ein, die den Blick trübt – die Aufmerksamkeit wird im Gegenteil geschärft. Nachdem Laura ihrem Mann von einem Traum erzählt hat, in dem sie Eltern von Zwillingen sind, sieht Paterson im wahrsten Sinne doppelt.

Als Sehvergnügen bleibt «Paterson» dagegen einmalig: Gerade in der hektischen Vorweihnachtszeit lässt sich mit keinem anderen Film so wunderbar herunterfahren wie mit diesem ruhigen Roadmovie.

Kinostart: 22. Dezember 2016

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 20.12.2016, 16:50 Uhr