«Race»: Ein schwarzer Läufer liess Adolf Hitler erbleichen

«Race» – ein Kinofilm mit doppeldeutigem Titel: Er stellt die aktuelle Frage nach der Nützlichkeit eines Olympia-Boykotts anhand der Geschichte des Jesse Owens. Der Ausnahmeläufer holte 1936 in Berlin vier Goldmedaillen und führte alle Herrenrassen-Träume ad absurdum.

Filmstill: Ein schwarzer und ein weisser Läufer duelleiern sich in einem riesigen Stadion. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Hat einen grossen sportlichen Traum – aber auch ein politisches Gewissen: Jesse Owens (Stephan James). Patterson Entertainment

Ohio, 1934. Der junge Schwarze Jesse Owens (Stephan James) gehört zu den schnellsten Läufern seiner Generation. Sein Talent hat ihm ein Stipendium an der Ohio State University eingetragen.

Larry Snyder (Jason Sudeikis), sein, Trainer, bleibt zunächst allerdings eher skeptisch: «Du sollst ein Naturtalent sein. Ich traue keinem Naturtalent.»

Der Trailer zu «Race»

2:25 min, vom 27.7.2016

«Soll ich nochmal?»

Aber schon nach Jesses erstem Probelauf traut Snyder, einst selbst Spitzenläufer, seinen Augen kaum, als er auf die Stoppuhr blickt. Und Jesse interpretiert das Staunen des Coaches falsch: «Soll ich nochmal?» fragt er. Und rennt die nächste Runde noch etwas schneller.

Jesse ist mit dem alltäglichen Rassismus in Ohio aufgewachsen. Selbst als ihn die arroganten Football-Spieler in der Garderobe anweisen, mit Duschen gefälligst zu warten, bis sie fertig sind, bleibt er ruhig.

Jesse Owens Ziel sind die olympischen Spiele 1936, und Trainer Snyder bringt ihn problemlos in die Qualifikationsrunden. Bis ein Problem auftaucht, mit dem weder Snyder noch Jesse gerechnet haben.

Pro und kontra Boykott

Immer lauter werden die Stimmen in den USA, die einen Boykott von Hitlers Olympiade in Berlin fordern. Bald gibt es zwei grosse Lager, und der Film dreht so richtig dämonisch auf, wenn Jeremy Irons als New Yorker Immobilienmogul Avery Brundage im olympischen Komitee gegen einen Boykott wettert. Amerika brauche Champions, röhrt er, damit sich die Nation wieder auf die eigene Stärke besinnen könne.

Averys Gegner sind vor allem weitsichtige Demokraten, die jüdischen Organisationen, welche längst wissen, was in Deutschland passiert, und viele der schwarzen Bürgerrechtler, welche die Parallelen sehen zwischen den deutschen Rassengesetzen und dem Alltagsrassismus in den USA.

Filmstill: Ein Mann im dunklen Anzug unterhält sich mit einem Mann in Nazi-Uniform. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Macht sich für einen Start in Berlin stark: Jeremy Irons als Avery Brundage. Patterson Entertainment

Traum vs. Gewissen

Jesse ist hin- und hergerissen zwischen seinem Traum und seinem politischen Gewissen. Bis ihm sein durch einen Unfall ausgeschalteter ärgster Konkurrent erklärt, es sei seine Pflicht, die Nazis in Berlin zu schlagen.

Und nun stilisiert der Film mit viel Verve den Kampf der Athleten in Berlin zu einem Kampf gegen die Rassen-Ideologie der Nazis. Dabei gibt es durchaus Zwischentöne.

So wird auch gezeigt, wie die Amerikaner Hitler zuliebe die jüdischen Läufer aus dem Rennen nehmen. Und genau dafür darf der schwarze Spitzenläufer Jesse Owens dann Rache nehmen mit seinen Siegen.

Vergnügliche Geschichtslektion

«Race» ist kein subtiler Film. Er hämmert seine Themen mit Inbrunst auf die Leinwand. So inszeniert Regisseur Stephen Hopkins etwa mit viel Gusto die Niederländerin Carice van Houten, also die mörderische Priesterin Melisandre in «Game of Thrones», als Hitlers Olympiafilmerin Leni Riefenstahl.

Aber die historischen Fakten werden in «Race» didaktisch portioniert und zwischendurch bekommen auch die US-amerikanischen Rassisten und die Olympia-Opportunisten ihr Fett weg.

Das macht «Race» zu einer rasanten, etwas pathetischen, aber vergnüglich und wirkungsvoll aufbereiteten Geschichtslektion.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 27.07.2015, 16:50 Uhr