Kampf der Heimatbilder – der Schweizer Film 2015

Unser Kino skizzierte die Heimat in den unterschiedlichsten Farben. Apokalyptisch-schwarz im Katastrophenfilm «Heimatland», betongrau in der Jugendstudie «Amateur Teens» und farbenprächtig im Publikumshit «Heidi». Die meisten Quartz-Nominationen erhielt aber ein Film, der komplett im Ausland spielt.

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Das Schweizer Filmjahr 2015

5:32 min, vom 16.3.2016

Heimat ist ein flexibler Begriff. Den einen wird’s warm ums Herz, wenn Nationalheilige wie das «Heidi» oder der «Schellen-Ursli» den Hang runter schlitteln. Für andere hat Heimat wenig mit Bergen, Herkunft oder Patriotismus zu tun. Regisseurin Esen Işik definierte Heimat im SRF-Interview vor ein paar Monaten pragmatisch als «Ort, wo ich gerne bin, wo ich mich wohl fühle.»

«Köpek», der exotische Preis-Favorit

Gemäss dieser Definition ist die Schweiz momentan ganz klar ihre Heimat. Hier hat die Kurdin über die Hälfte ihres Lebens verbracht, hier wurde sie zur Filmemacherin. In ihrer jüngste Regiearbeit wird nichtsdestotrotz konsequent türkisch gesprochen. Das macht auch Sinn. Schliesslich spielt ihr fünffach nominiertes Drama «Köpek» in Istanbul. Frauen, sexuelle Minderheiten und Kinder gelten in Işiks alter Heimat wenig: Sie sind gesellschaftlich die Underdogs.

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SRF-Koproduktionen

Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) hat «Schellen-Ursli», «Heidi», «Amateur Teens», «Nichts passiert» und «Above and Below» koproduziert.

Die anderen Spielfilme im Quartz-Rennen spielen dagegen allesamt in der Schweiz. Mit «Köpek» vergleichbar ist bloss der kritische Blick auf die herrschenden Missstände. «Heimatland» warnt beispielsweise vor den Folgen der eidgenössischen Isolationspolitik, «Amateur Teens» vor dem wachsenden Einfluss von Social Media.

Pikant: Ausgerechnet die zwei erfolgreichsten Produktionen zum Thema Heimat wurden nicht als «Bester Spielfilm» nominiert. «Heidi» kann nur in den Sektionen «Bester Darsteller», «Bester Schnitt» und «Bester Musik» reüssieren, «Schellen-Ursli» in den Sparten «Beste Nebenrolle» und «Beste Kamera».

Swiss Hits: «Little Mountain Boy», «Heidi» und «Above and Below»

Apropos «Schellen-Ursli»: Auf der diesjährigen Berlinale wurde der Schweizer Kassenknüller für die internationale Vermarktung umgetauft. Der Alpenfilm über den Bündner Bub, den im Ausland keiner kennt, heisst nun «Little Mountain Boy». Der programmatische Titel mag in unseren Ohren schmerzen. Doch so weiss der Kinogänger in den Benelux-Staaten, Polen oder der Türkei wenigstens, was ihn erwartet.

Das Schweizerkreuz, umrandet von vier einheimischen «Heimatfilmen». Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Gleiches Land, anderer Blick: die Schweiz im Spiegel seiner Kinofilme. Filmpodium

Bei der schweizerisch-deutschen Koproduktion «Heidi» sieht die Lage freilich anders aus: «Heidi» ist eine globale Marke, die sich fast überall kinderleicht verkaufen lässt. Allein in Deutschland zog die neuste Verfilmung über eine Million Zuschauer in die Kinos. Zählt man die Schweiz und Frankreich dazu, sind wir schon fast bei den 2,4 Millionen, die «Heidi» weltweit bisher eingespielt hat. Und ein Ende der Erfolgsgeschichte ist mit Blick auf die baldigen Starttermine in Italien und Griechenland nicht in Sicht.

Die Dokumentation «Above and Below» des Wallisers Nicolas Steiner befindet sich derweil in einer ganz anderen Kategorie auf Rekordkurs: Seine poetische Amerika-Studie über eine Handvoll Aussteiger wurde bereits auf 34 internationalen Festivals gezeigt. «Variety»-Chefkritiker Peter Debruge wählte die bildgewaltige Doku zudem auf Platz 6 der wichtigsten Filme des Jahres. Bessere Argumente für den Quartz kann man als Regisseur wohl kaum aus der grossen weiten Welt mitbringen!