Sie weiss, wie man die ideale Besetzung für einen Film findet

Als Casterin ist Corinna Glaus für Besetzungsfragen zuständig: Wenn für Schweizer Filme neue oder alte Gesichter gesucht werden, ist ihr Netzwerk eine Fundgrube. Im Interview erklärt sie, welche Freuden und Risiken ihr Beruf mit sich bringt.

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Bildlegende: Sie bestimmt, welche Gesichter in einem Schweizer Film zu sehen sind: Corinna Glaus. zvg

Corinna Glaus, als Casterin sind Sie eine Schnittstelle zwischen Menschen, die darstellerische Leistungen suchen, und Menschen, die darstellerische Leistungen anbieten. Umschreibt das Ihre Tätigkeit in etwa?

Corinna Glaus: Konkreter lässt sich sagen: Ich vermittle Schauspieler für Spiel- und Fernsehfilme oder für Serien. In der Praxis funktioniert es so, dass Leute aus den Bereichen Regie und Produktion auf mich zukommen, wenn sie Rollen zu besetzen haben. Ich vertrete aber nicht einzelne Schauspieler und handle Gagen aus – das machen Agenturen. In meiner Position würde das zu Interessenskonflikten führen, denn meine Dienstleistung erfolgt im Auftrag der Produktion.

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Zur Person

Corinna Glaus ist seit 1980 im Schweizer Film beschäftigt – von Script Continuity über Regieassistenz bis zum Casting. Seit 20 Jahren hat sie mit «Glaus Casting» ihr eigenes Büro. Sie war u.a. für die Besetzung von Filmen mit Christoph Schaub, Markus Imboden, Fredi Murer und Stefan Haupt verantwortlich. 2004 erhielt sie den Schweizer Filmpreis.

Konzentrieren Sie sich bei der Lektüre auf bestimmte Rollen?

Normalerweise besorge ich gleich das Gesamtcasting, also alle Sprechrollen, aber ohne Statisten – bis zu 50 Rollen. Bei der Lektüre filtere ich heraus, welche Informationen zu den Charakteren im Buch angelegt sind und erstelle eine erste Namensliste.

Basierend darauf mache ich Besetzungsvorschläge und dann klären wir ab, ob das den Erwartungen entspricht. Wenn der gemeinsame Nenner gefunden ist, erstellen wir eine Favoritenliste. Und für die Hauptrollen werden dann richtige Castings durchgeführt, meistens mit der Regie.

Sie arbeiten also im Auftrag von Produzenten, aber die Schauspieler sind für Sie ja doch auch eine Art Kunden. Wie arbeiten Sie da, mit einem Netzwerk, mit einer Kartei?

Ich mache diese Arbeit seit rund 20 Jahren, und mein Netzwerk wächst täglich, die Daten werden ständig aktualisiert. Jeden Morgen habe ich etwa 50 Mails mit Schauspielern, die wollen, dass ich sie berücksichtige – und zwar aus aller Welt.

Nach welchen Kriterien filtern Sie?

Zuerst schaue ich mir die Schweizer an. Generell kann man sagen: Je weiter eine Person weg ist, desto geringer sind die Chancen, dass ich sie überhaupt kennenlernen kann. Und es gibt natürlich auch Massenmails, wo gleich alle Casting-Agenturen weltweit angeschrieben werden. Das interessiert mich nicht.

Aber wenn jemand bei Ihnen auf Interesse stösst?

Dann bemühe ich mich um eine Begegnung, vor allem bei jungen Darstellern. Menschen im Theater zu sehen oder kurz mit ihnen zu sprechen ist viel aufschlussreicher als alles, was man auf einem Bildschirm sieht. Und je mehr ich über eine Person weiss, desto einfacher wird es für mich, sie zu vermitteln.

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51. Solothurner Filmtage

Am 21.1. starteten die Solothurner Filmtage mit einer Rede von Kulturminister Alain Berset und dem Film «Die Schwalbe» von Mano Khalil. Bis am 28.1. gibt's zahllose Filmpremieren, Preise (etwa «Prix de Soleure» und «Prix du Public») und Nominationen für den Schweizer Filmpreis. Das Spezialprogramm «Rencontre» ist Ursina Lardi gewidmet.

Sie machen also Entdeckungen.

Das muss man in diesem Job! Schliesslich sind wir ja ständig an der Front und lernen ständig neue Leute kennen. Dabei kann es sich um junge Talente handeln, aber auch um Theaterschauspieler, die noch nie vor einer Kamera standen.

Peter Freiburghaus zum Beispiel war über längere Zeit gar nicht als Schauspieler bekannt, sondern als Mitglied des Duo Fischbach. Vor einigen Jahren habe ich ihn gefragt, ob er wieder auf Filmarbeit Lust hätte – und er ist jetzt wieder im Schweizer Film präsent.

Wie wichtig ist aus Ihrer Sicht die berufliche Ausbildung? Einige Kandidaten haben die Schauspielschule abgeschlossen, andere verfügen über langjährige Erfahrungen im Laientheater. Worauf achten Sie, um Qualität anbieten zu können?

Grundsätzlich bin ich völlig offen, es hängt vom Projekt und von der Rolle ab. Viele Regisseure wollen unbedingt mit Menschen arbeiten, die eine gründliche Ausbildung haben, solides Handwerk mitbringen und auf dem Set Angebote machen können.

Andere wiederum arbeiten gerne mit Laien, weil deren Zugang zu einer Interpretation völlig anders ist. Dort muss man natürlich viel genauer prüfen, ob die unerfahrenen Spieler überhaupt die notwendigen Fähigkeiten mitbringen. Das ist manchmal ein Poker-Spiel, gehört aber dazu.

Es braucht wohl viel Menschenkenntnis, um bestimmen zu können, wer zu wem passt: Nur weil ein Regisseur und ein Schauspieler beide genial sind, heisst das ja nicht, dass sie zusammenarbeiten können.

Genau. Der eine muss die Handschrift des andern verstehen. Mathias Gnädinger war so ein Fall: Sein Spiel hatte zwar immer Niveau, aber erst wenn man den direkten Draht zu ihm fand, taten sich zusätzliche Welten auf. Und das gelang nicht immer.

Sei es nun, weil die Leute nicht zueinander passen, weil es terminlich nicht aufgeht, oder weil sich die Konkurrenz durchgesetzt hat: Sie erleben es wohl oft, dass Schauspieler eine ersehnte Rolle nicht bekommen. Bleibt da viel von dieser Frustration an Ihnen hängen?

Wir machen jeweils die Absagen, stimmt. Das Wichtigste dabei ist eine offene und ehrliche Kommunikation, von Anfang an: Keine falschen Hoffnungen wecken, und nie vergessen, dass es das nächste Mal klappen kann. Wer vorspricht, wird immerhin zur Kenntnis genommen und womöglich für einen anderen Part vorgemerkt.