Steven Soderbergh verabschiedet sich vom Film – ein Nachruf

Steven Soderbergh hat seit seinem Debut «Sex, Lies, and Videotape» 26 Filme gedreht – und das in 24 Jahren. Dabei hat er mit spielerischer Leichtigkeit Low- und High-Budget-Filme realisiert und bewiesen, jedes Genre meisterhaft zu beherrschen. Nun hat er beschlossen, eine Auszeit zu nehmen.

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Bye, bye Mr. Soderbergh

3:24 min, aus Box Office vom 28.4.2013
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Filmografie (Auswahl)

1989: Sex, Lies, and Videotape
1998: Out of Sight
1999: The Limey
2000: Traffic
2000: Erin Brockovich
2001: Ocean’s Eleven
2004: Ocean’s Twelve
2007: Ocean’s Thirteen
2008: Che – Revolución
2008: Che – Guerrilla
2012: Haywire
2012: Magic Mike
2013: Side Effects

Ein Mann, sicherlich im besten Alter, beschliesst eine Auszeit zu nehmen, um etwas anderes zu machen. So what? Das Problem: Der Mann heisst Steven Soderbergh, ist ein weltberühmter Regisseur und meinte schon 1989, gerade mal 26jährig und historisch jüngster Empfänger der Goldenen Palme geworden: «Von nun an geht’s bergab». Ging es nicht.

26 Filme in 24 Lebensjahren sind kein Anzeichen für eine Abwärtsspirale, sondern Zeugnis einer ausserordentlichen Kreativität. Da kann man schon mal müde werden. Akzeptieren wir also einfach Soderberghs unwiderruflichen Entschluss, aufzuhören. «Side Effects», der Anfang Mai in die Kinos kommt, ist sein letzter Spielfilm.

Zu schwul für die Leinwand

Nicht ganz: «Behind the Candelabra», ein von HBO produziertes Biopic über den legendären, schwulen Glamourpianisten Liberace, läuft im Wettbewerb des diesjährigen «Festival de Cannes». Ein Fernsehspiel im Grand Palais - und was für eins.

Michael Douglas als Pianist Liberace und Matt Damon als sein Liebhaber in Soderbergh's «Behind the Candelabra». Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Michael Douglas als Pianist Liberace und Matt Damon als sein Liebhaber in Soderbergh's «Behind the Candelabra». HBO

Matt Damon in Satin-Schlaghosen spielt den Liebhaber des exzentrischen Pianisten, verkörpert von Michael Douglas, der Liberace zum Verwechseln ähnlich sieht. Ins Kino kommt der Film leider nicht. Zu schwul für die grosse Leinwand fanden die Hollywood Produzenten den Stoff – sagt jedenfalls Soderbergh.

Attacke gegen Hollywood

Seit fünf Jahren schwört Soderbergh, dass sein nächster Film der letzte sein wird. Man wird den Eindruck nicht los, dass Soderberghs Rücktritt eine letzte Attacke gegen Hollywoods Filmindustrie ist, deren Kodex ihm immer zuwider war. Aber da ist noch mehr: Filmüberdruss hat sich eingestellt.

Vor drei Jahren, in einem Interview mit der New York Times, erzählte Soderbergh, dass er sich, allein bei der Vorstellung auf Motivsuche zu gehen, am liebsten eine Kugel verpassen würde. Und weiter: «Ich habe alles abgelehnt, was mir angeboten wurde…» Alles? «Contagion», «Haywire», «Magic Mike», «Side Effects», «Behind the Candelabra», fünf Filme sind seit 2011 entstanden. Anders formuliert: Seitdem Stilpluralist Soderbergh aufhören will, ist er kreativ wie selten zuvor.

Theater, Malerei, Fernsehen

Soderberg und seine Pläne jenseits des Filmbusiness sind nicht neu. 2001, Soderbergh hatte gerade den Oscar für sein Drogenepos «Traffic» erhalten, äusserte er noch den Wunsch, Maler zu werden, um ein neues künstlerisches Medium zu erkunden, solange er noch die Zeit und die Fähigkeit dazu habe. Inzwischen spricht er auch von der Möglichkeit, Theater zu inszenieren und Fernsehserien zu realisieren.

Vielleicht wird Soderbergh im Mai, wenn er im Blitzlichtgewitter die Stufen des «Grand Palais» nimmt, um seinen «letzten, wirklich allerletzten» Film «Behind the Candelabra» vorzustellen, uns in seine neuen Projekte einweihen. Pläne eines Frührentners.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Bye, bye Mr. Soderbergh

    Aus Box Office vom 28.4.2013

    «Side Effects» ist der letzte Film von Steven Soderbergh, der in die Kinos kommt. Der Regisseur hängt die Kamera an den berühmten Nagel und geht in Rente - mit fünfzig. Ganz so schlimm wie es klingt wird es vermutlich nicht kommen. Im Mai läuft sein Fernsehspiel «Behind the Candelabra» auf dem «Festival de Cannes» im Wettbewerb. Soderbergh ist halt immer für eine Überraschung gut.

    Bernhard Koellisch