Synthetische Liebe: Sugar Mamas und Lover Boys

Mit seiner Paradies-Trilogie hat der Österreicher Ulrich Seidl über ein Jahr hinweg die drei grossen europäischen Filmfestivals Cannes, Venedig und Berlin bestückt. Jetzt startet Teil eins im Kino: «Paradies: Liebe» begleitet eine nicht mehr ganz junge Frau in die Sexferien nach Kenia.

In einer wie ein durchorganisiertes Tableau wirkenden Einstellung liegt die Hauptfigur Teresa nackt unter einem Moskitonetz. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Durchorganisierte Tableaus von grotesker Schönheit: Ulrich Seidls Blick auf den Sextourismus. Praesens Film

«Paradies» ist eine gewachsene und mittlerweile vollständige Trilogie des Österreichers Ulrich Seidl. Ursprünglich war ein einziger Frauen-Film mit drei Protagonistinnen und Handlungssträngen geplant, schliesslich konnte Seidl die Fülle an Material erst als Trilogie bändigen. Das hatte den Vorteil, dass er innerhalb eines Jahres an den Filmfestivals von Cannes, Venedig und Berlin je eine Premiere feiern konnte.

Ein gewohnt gnadenloser Blick

Der erste Film, der im Mai 2012 in Cannes den Auftakt machte, ist «Paradies: Liebe». Er erzählt von der fünfzigjährigen Teresa aus Österreich, die sich mit ihrer besten Freundin einen Sexurlaub in Kenia gönnt. Die «Sugar Mamas» aus Deutschland und Österreich sind für die kenianischen Beach Boys Lebensunterhalt und Arbeitsort zugleich.

Und Seidl steigt auch hier mit seinem gewohnt gnadenlosen Blick in den Film ein. Ganz kurz werden die Lebensumstände der ledigen Mutter in Österreich geschildert, ihre übergewichtige Tochter (die im dritten Teil der Trilogie im Zentrum stehen wird) und Teresas Schwester, die während des Urlaubs auf Tochter und Katze aufpassen soll.

Ernüchternde Erfahrungen mit Gigolos

Dann folgt schon die Ankunft in Kenia, der Bustransfer und der Empfang im Resort – alles gerade eben so satirisch überzeichnet, dass es einem als wirklichkeitsgetreu wiedergegeben erscheint. Das ist ja das Höllische bei Seidl, dass auch seine gemachten Bilder immer direkt aus der Wirklichkeit stammen.

Die ledige Mutter Teresa (Margarethe Tiesel) am Strand von Kenia auf der Suche nach einem Lover Boy. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Wer soll es sein? Die ledige Mutter Teresa (Margarethe Tiesel) auf der Suche nach einem kenianischen Lover Boy. Praesens Film

Es dauert volle fünfundvierzig Minuten, bis aus der sexhungrigen, unsicheren, unattraktiven Teresa plötzlich ein Mensch wird. Zunächst wirkt die von der überaus mutigen Margarethe Tiesel perfekt verkörperte Frau wie ein weiteres jener österreichischen Mittelstandsmonster, die aussehen wie von Haderer gemalt und reden wie von Gerhard Polt vertextet.

Aber nach fünfundvierzig Minuten und einigen ernüchternden Erfahrungen mit den emsigen Fliessbandgigolos liegt Teresa mit drei anderen Frauen wieder an der Sonne. Und erklärt, sie würde sich wünschen, einer würde ihr mal richtig in die Augen schauen. Auf die Seele sozusagen. Da blitzt ganz kurz die ganze Traurigkeit und Verzweiflung der Frauen auf – bloss um bald darauf wieder einer gierigen Kolonialattitüde Platz zu machen.

Tableaus von grotesker Schönheit

Der Film spielt dieses Elend durch, in echten Seidl-Einstellungen, symmetrisch angeordneten Bildern, mit aufgestellten und durchorganisierten Statistentableaus von grotesker Schönheit. In den Details und vor allem den intimen Szenen geht die Inszenierung über jede Komfortgrenze hinaus und stellt alle und alles dar, bloss, nackt, traurig, hängend, und verzweifelt.

Und doch ist Seidl älter geworden und milder. Noch immer zwingt uns sein Blick zu gnadenlosem Degout. Zugleich aber mag er nicht nur seine Hauptfigur, er gesteht auch den meisten anderen ihre Menschlichkeit zu. Und genau das macht den Film seltsamerweise zum Spielfilm, nicht etwa die Inszenierung einer absolut realistischen Wirklichkeit.

Die Macht ist nicht immer oben

«Paradies: Liebe» ist nicht nur ein echter Seidl, der Film ist auch das Gegenstück zu «Whore’s Glory» (2011) seines Landsmannes Michael Glawogger. Glawoggers Film ist ein Dokumentarfilm über Prostitution, der manchmal die Perspektive dreht. Vor allem dort, wo er seinen Protagonistinnen dabei zusieht, wie sie versuchen, eine Art Selbstbestimmtheit zu behaupten.

Das Verrückte an Seidls «Paradies: Liebe» ist nun allerdings, dass der Film deutlich macht, dass sich nicht nur die Beach Boys prostituieren, sondern auch die Sugar Mamas. Wohl gibt es eine Sequenz, in der die vier Frauen im Hotelzimmer einen jungen Stripper erniedrigen und zum Spielzeug machen.

Aber den männlichen Trick, die pekuniäre Gewaltausübung zu einem absoluten Machtgefüge zu stilisieren, den haben die Frauen zumindest in diesem Film nicht drauf. Jeder Versuch zur Fremdausbeutung fällt auch auf sie selber zurück. Denn was sie suchen, ist – im Gegensatz zum männlichen, mehr oder weniger sublimierten Machttrieb – eben nicht die simple Machtausübung, sondern jene hochkomplexe Variante davon: begehrt zu werden.