Sam Ali (Yahya Mahayni) ist aus Syrien in den Libanon geflüchtet. Eigentlich will er nach Europa. Die Frau, die er liebt, ist von ihrer Familie mit einem Diplomaten verheiratet worden und nach Brüssel gezogen.
Aber Sam sitzt als Flüchtling fest im Libanon, ohne Chance auf Papiere oder gar ein Visum. Bis der angesagte Künstler Jeffrey Godefroi behauptet, er könne ihm vielleicht helfen.
«Ich will deinen Rücken»
Sam ist misstrauisch: «Meinst du, du kannst Wunder wirken, wie ein Dschinn?» Godefroi winkt lachend ab. Einen Deal wolle er machen, erklärt er. «Du willst meine Seele?» – «Nein, ich will deinen Rücken.»
Das meint Godefroi wörtlich. Er tätowiert Sam Ali ein Schengen-Visum auf den Rücken.
Die Unterschrift des Teufels
Als Teil eines Kunstprojektes kommt Sam Ali tatsächlich problemlos nach Brüssel. Er gibt Interviews, er hat geregelte Präsenzzeiten als Teil einer grösseren Installation im Museum. Er spürt sogar die geliebte Frau wieder auf.
Aber glücklich wird er mit all dem nicht. Und wirklich frei ist er auch nicht. Wie ein zynisches, kaufwilliges Kunstsammlerpaar bemerkt: Das Kunstwerk «Sam Ali» trägt jetzt die Unterschrift des Teufels.
Meisterin der brisanten Themen
Regisseurin Kaouther Ben Hania hat auf eine reale Geschichte zurückgegriffen: 2006 hat der belgische Konzept-Künstler Wim Delvoye den Rücken des Schweizers Tim Steiner tätowiert und als Objekt an einen deutschen Sammler verkauft.
Die tunesische Regisseurin versteht es, brisante Themen filmisch attraktiv aufzugreifen. 2017 machte sie mit ihrem Erstling «Beauty And The Dogs» («Aala Kaf Ifrit») auf sich aufmerksam. Darin will eine Studentin die Polizisten, welche sie vergewaltigt haben, zur Rechenschaft ziehen. Dabei gerät sie in einen realistischen sozialen Albtraum.
Die Visumspflicht als reine Konstruktion
Genau das sei die Arbeit der Künstler, sagt Kaouther Ben Hania: den Blickwinkel auf solche Dinge so zu verändern, dass der Zynismus von all dem entlarvt wird, das wir für normal und gegeben anschauen.
Auch die Visumspflicht sei eine hinterfragbare gesellschaftliche Normalität: «So etwas wie ein Visum gibt es ja nicht wirklich. Das ist eine reine Konstruktion der Menschheit, auf die wir uns geeinigt haben», so Ben Hania.
«Eine Konvention, welche tödliche Auswirkungen hat auf hunderte von Menschen, die im Mittelmeer ertrinken. Gleichzeitig kommt uns die Visumspflicht völlig normal vor. Ohne Papiere kann man schlicht und einfach nicht reisen. Und jene, die es doch tun, finden sich ausserhalb des Systems.»
Ein Kunstwerk für sich
Trotz seiner provokativen Anlage ist «The Man Who Sold His Skin» kein simpler Kunstthriller, sondern ein vielseitig gestaltetes Kunstwerk für sich.
Das beginnt schon mit den ersten Einstellungen im Gefängnis in Syrien. Die Bilder von Sam Ali im Halbdunkel sind von einer betörenden Schönheit. So kommt keine dokumentarische Schwere auf.
Ein Fest, eine Reise und eine Knacknuss
Sie habe klar gewusst, was sie von der Bildgestaltung erwarte, sagt Kaouther Ben Hania. Schliesslich habe sie einen Film über Kunst machen wollen. Ihr Kameramann Christopher Aoun habe das trotz dem mageren Produktionsbudget umgesetzt.
Das ist mehr als gelungen. «The Man Who Sold His Skin» ist ein Fest für die Augen, eine moralische und kunsttheoretische Knacknuss, eine Reise in den Nahen Osten mit einer subtil umgedrehten Perspektive. Und neben all dem auch noch eine ausgesprochen gut erzählte Geschichte von Menschen.
Kinostart: 14. Oktober 2021